OFFENER BRIEF vom Europäischen Treffen in ESSEN 4. Juni 2017

Von den Delegierten aus den Niederlanden, der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Belgien, England, Italien, Spanien und Catalonien, die sich 2018 in England wiedertreffen werden

Bezugnehmend auf die vielfachen Aufrufe von Papst Franziskus,
« den Schrei der Erde und der Verzweifelten zu hören »,
und im gemeinsamen Glauben an den Befreier Jesus Christus, der gelebt hat, gestorben und
auferstanden ist für das Heil der ganzen Menschheit,
wollen wir uns in Wort und Tat jenen engagierten Frauen und Männern guten Willens anschließen,
die in unserer Welt Wege der Wahrheit, der Solidarität, des Teilens und der Gerechtigkeit gehen
– den universellen Weg des Friedens und der Liebe !

Wie können wir gemeinsam der zunehmenden Prekarisierung so vieler Menschen in Europa
begegnen und handeln ?

Wir wollen die Herausforderungen des Prekariats gemeinsam angehen !
Wir erfahren Prekariat – am eigenen Leib oder bei anderen – als Folge von:
– zu geringem, monatlichen Einkommen
– Unsicherheit durch befristete Arbeitsverträge
– unsicherem Aufenthaltsstatus (für MigrantInnen)
– Arbeitslosigkeit und dem Zweifel, ob eine Rückkehr in Arbeit möglich ist
– Zweifeln bei älteren ArbeitnehmerInnen, ob sie ihre Arbeitsfähigkeit
bis zur Rente aufrechterhalten können
– (Mit)Verantwortung für Andere– für eigene Kinder, Eltern, Behinderte,
Hilfsbedürftige – als zusätzlicher Last
– Krankheit

* Diese Unsicherheiten rufen Ängste hervor. Dazu kommt inzwischen die Angst vor tödlicher Gewalt weltweit. Absolute Sicherheit ist eine Illusion!
Wir nehmen jedoch nicht hin, dass Menschen unter prekären Bedingungen zu leben und zu leiden haben, die sich durch politische Entscheidungen und gesellschaftliche Veränderungen vermeiden lassen. Für diese notwendigen Veränderungen setzen wir uns gemeinsam ein. Auf dem Weg dorthin erscheint es uns nötig,
– eine Haltung zu entwickeln, die uns inmitten der Unsicherheit ohne Angst leben lässt,
– indem wir unsere Scham überwinden, vor und mit anderen über unsere Nöte zu sprechen,
– und so aus der Isolation heraustreten und uns gegenseitig unterstützen können

* Viele Menschen in Europa, insbesondere in der jüngeren Generation, fühlen sich derart unbeachtet und ausgeschlossen, sei es aus der Arbeitswelt, sei es aus dem sozialen und wirtschaftlichen Leben (cf. Evangelii Gaudium N°53), dass sie nichts mehr von der Gesellschaft erwarten und sich aus jeglichen demokratischen und sozialen Prozessen zurückziehen. So werden sie in ihrer Ausgegrenztheit unfähig, aktiv an demokratischen Entscheidungen mitzuwirken und werden kaum durch politische Organe vertreten.

* Da sie sich so wenig wahrgenommen fühlen, wenden sie sich ihrerseits ab, gehen nicht wählen oder geben ihre Stimme aus Protest rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien. Die Ängste der Bevölkerung werden von Vertretern verschiedener politischer Richtungen bewusst geschürt und ausgenutzt.

Unsere Anfragen an Europa
– Vergisst Europa seine Vergangenheit ? Vergisst Europa, dass es die Erfahrung der mörderischen Kriege war, die den dringenden Wunsch nach Frieden und Einheit wachsen ließ und zur Gründung der Europäischen Union führte ?
– Wurde diese gute Absicht von Geschwisterlichkeit und gerechtem Austausch zwischen den Völkern nicht verraten durch eine Folge undemokratisch beschlossener Verträge und Gesetze auf EU-Ebene ?
– Vergessen die europäischen Völker angesichts der Migrationsbewegungen aus Ländern mit massiven Klimaveränderungen oder Kriegen etwa, dass sie genau diese Völker in der Kolonialzeit unterdrückt und ausgebeutet haben und dass sich diese Strukturen in der neoliberalen, aggressiven Wirtschaft bis heute fortsetzen ? Die meisten europäischen Länder sind doch Unterzeichner der Genfer Flüchtlingskonvention – wie können sie das Grundrecht auf Asyl derart aushöhlen ?
Wenn wir nicht grundlegend zu einer neuen Politik finden, die das

Wohl des Menschen über die Gewinnmaximierung stellt, so werden die kommenden Generationen umso mehr unter den Bedingungen zu leiden haben, die uns heute schon bedrängen.

Deshalb rufen wir dringend auf,
– zu einem Europa der offenen Grenzen,
* in dem MigrantInnen nicht kriminalisiert werden und welches Praktiken wie Abschiebung in
Kriegsgebiete und sofortige Rückführung an der Grenze ohne jegliches juristisches Verfahren
ausschließt,
* zu einem Europa also, welches das Asylrecht achtet und Schutzsuchende aufnimmt !
– zu einer europäischen Wirtschaftspolitik,
* die sich abwendet vom Prinzip des uneingeschränkten Wettbewerbs, der ArbeiterInnen
verschiedener Länder weltweit gegeneinander ausspielt und der zum Niedergang ganzer
Industriestandorte führt, sowie zur fortschreitenden Zerstörung unserer Umwelt
* die sich Handelsabkommen verweigert, die die Ausbeutung der afrikanischen und anderer
Völker bewirken
* zu einer Wirtschaftspolitik also, deren Grundlage die Rechte der ArbeitnehmerInnen und
das Streben nach würdigen Arbeitsbedingungen ist, die also das Wohl der Menschen in den
Mittelpunkt stellt !

Wir wünschen uns ein lebendiges Europa : politisch demokratisch – ökonomisch gerecht – sozial solidarisch – kulturell pluralistisch – regional verschieden – ökologisch nachhaltig – religiös ökumenisch und interreligiös achtend
Wir erhoffen
dass ein Geist der Freigiebigkeit in unseren Ländern erwache, der den Geiz überwindet und das
Leben als kostenlos und unbezahlbar anerkennt und achtet
« Denn seht, das Reich Gottes ist mitten unter Euch. » Evangelium nach Lukas 17, 20-25