Zum Begräbnis von Jan Wellekens – in Hamburg am 22. Dez. 2016

Liebe Familienangehörige von Jan, liebe Freunde und Bekannte,

Jan, vielen von euch ein naher Freund, ist von uns gegangen. Ich möchte zu seinem Abschied ein kurzes Zeugnis beitragen, wie ich ihn als Menschen, und auch als Bruder in der Fraternität, der ich selbst angehöre, erleben durfte. Ich versuche dies aus meinem persönlichen Blickwinkel. Ihre eigenen Erinnerungen an Jan mögen mein Zeugnis ergänzen.

– Es war 1972, an der Versammlung der deutschsprachigen Arbeiterpriester in Mainz, dass ich Jan zum ersten Mal begegnet bin. Ich hatte damals, am Ende meines Studiums, daran teilgenommen, weil ich selbst Arbeiterpriester werden wollte.

Es trafen sich dort Priester, die aus der klassischen Seelsorge ausgestiegen waren, eine einfache manuelle Arbeit annahmen, um sich aus eigener Erfahrung mit den elementaren Fragen der kleinen Leute auseinanderzusetzen. Jan nahm engagiert an diesem Suchen teil. Es ging um Fragen rund um die Arbeit, und auch um Visionen einer gerechteren Gesell­schaft – dies im Kontext des kalten Krieges. Mich beeindruckte schon damals die Weite von Jans Blickwinkel: einerseits seine feinfühlige Aufmerksamkeit für das Wohl eines jeden einzelnen Menschen, und gleichzeitig auch seine Sensibilität für grössere Zusammen­hänge, für politische und soziale Strukturen.

– Erst sechs Jahre später, als ich in die Fraternität eintrat, durfte ich Jan persönlicher kennenlernen. Die Fraternität durchlief damals, Ende der 70er Jahre, eine Phase des Umbruchs, und ich erlebte Jan darin als ein treibendes Element. Nach seiner Vorstellung sollte unsere Ordensgemeinschaft – ohne ihre Identität zu verlieren – ihr noch vorwiegend klösterliches Kleid ausziehen, ihre Lebensform der der einfachen Leute annähern, um ganz dort präsent zu sein, wo sich das Leben wirklich abspielt, „mitten in der Welt“.

– Dieser Aufbruch war nicht unsere Erfindung. Er wurde angestossen vom Fluss der damali­gen gesellschaftlichen Entwicklung, die mehr und mehr Sensibilität für die Bedürf­nisse des Individuums entwickelte. Jan engagierte sich dahin, dass unsere Fraternität nicht ein abstraktes Ideal blieb, dem wir uns gehorsam unterzuordnen hätten. Sie sollte vielmehr eine Gemeinschaft werden, in der jeder von uns zu Selbstverantwortung, persönlicher Entfaltung und Freiheit geführt werde. Es erstaunt nicht, dass es auch Brüder gab, die diese Entwicklung nicht gerne sahen, so dass sie in Jan vielleicht nicht nur eine beunruhi­gende Herausforderung, sondern sogar ein „gefährliches Element“ erblickten. –

Diese Entwicklung, wie sie vor allem in unsern nördlichen Teilen Europas langsam Form annahm, forderte auch meine Vorstellungen vom Ordensleben heraus. Aber sie hat sich bewährt, positiv für unser je eigenes Leben, aber auch positiv für das, was wir „mitten in der Welt“ leben wollten.

Wir bleiben Jan für sein authentisches Engagement zu tiefst dankbar. Auch unsere Gemeinschaft als Gesamte, heute über die ganze Welt zerstreut, ist ihm für sein Mit-Suchen und seinen wertvollen Beitrag zu grossem Dank verpflichtet.

– Im Laufe der Jahre ist meine Beziehung zu Jan persönlicher und intensiver geworden – was aber nicht heisst, dass dies immer einfach war.

Wer Jan näher begegnete, wurde sehr bald auch mit inhaltlichen Themen herausgefordert. Er weckte aus der Ruhe auf, und nie blieb einer mit ihm in einer „Wohlfühl-Beziehung“ stecken.

Die Begegnungen mit Jan geschahen aber nicht nur auf der rationalen, sondern auch auf der emotionalen Ebene. Nicht selten flossen, je nach Thema – nicht nur feiner Wein – sondern auch Tränen.

Seine besondere Begabung, Sachverhalte bis ins Detail zu analysieren, hat unserem Suchen in Vielem sehr geholfen. – Doch gleichzeitig konnten sich Menschen, die eher intuitiv veranlagt waren, Jan gegenüber manchmal auch etwas entwaffnet fühlen.

Ihm gegenüber, einem so liebenswürdigen Menschen – der die Freiheit eines jeden Einzel­nen so ernst nahm – aufrecht stehen zu bleiben, war nicht für jeden leicht. Und es waren auch nicht alle, die den Mut dazu fanden.

– Für Jan waren Hochachtung und Respekt vor jedem Menschen ganz zentrale Werte. Dabei hatte er eine spezielle Sensibilität für Minderheiten. Ob Mann oder Frau, ob jung oder alt, gläubig oder ungläubig, ob Arbeitskollege oder Nachbar, ob Bruder der Fraternität – oder einer, der sie verlassen hat: Jeder ist zuerst Mensch. Jan machte in seinem Umgang keine Unterschiede. Dabei waren alle Zugehörigkeiten relativ, sie besassen keinen Selbst­zweck: Arbeitsplatz, Gruppierungen, Fraternität, Kirche, usw., für Jan fanden sie ihren Sinn nur im Dienste am Menschen und an seiner Entfaltung.

Ich habe in Jans radikaler Offenheit Jedem und Jeder gegenüber einen Schimmer davon entdeckt, wie grenzenlos die Liebe Gottes sein muss. Sie übersteigt alle Grenzen und Mauern, die wir in unserer Gesellschaft und mit unseren Religionen aufgebaut haben.

Jan war ein suchender Mensch: rastlos auf der Suche nach umfassenderer Wahrheit. Mich hat beeindruckt, dass sein Denken keine Schranken und Tabus tolerierte. Es war ihm klar: Wahrheit muss immer grösser und tiefer sein, als das, wofür wir Menschen sie halten.

Dabei denke ich an die Arbeit eurer Gruppe von Freunden, die ihr euch, zusammen mit Jan, über Jahre mit philosophischen Fragen auseinandergesetzt habt.

In unserer Arbeitsgruppe „Judentum-Christentum“, zusammen mit Jan, realisierten wir bald, dass unser Suchen weit über Inhalte und Grenzen kirchlicher und theologischer Tradition hinausgehen muss, um die Tiefe der Treue Gottes zum Menschen besser zu verstehen. Weder der Thomismus, noch sonst ein ideologisches Gedankengebäude konnten für Jans Denken zum Gefängnis werden. Sein hartnäckiges Nachfragen hat herausgefordert, auf ungewohnte Aspekte einer Problematik hingewiesen, neue Horizonte eröffnet. Wahrheit war für ihn immer tiefer und umfassender, als das, wofür wir Menschen sie halten.

Jan liebte das Leben. Er liebte zu kochen, er liebte feines Essen und Trinken, er liebte gute Filme und wunderbare Musik… Jan liebte zu leben – nicht für sich allein, sondern gemeinsam mit andern.

Das erinnert mich an ein Wort von Meister Eckhart, wie dieser Gott als das Leben selbst verstand. Ich zitiere: „Wer das Leben fragte ,Warum lebst du?’, könnte es antworten ,Ich lebe darum, dass ich lebe’. Das kommt daher, weil das Leben aus seinem eigenen Grunde lebt und aus dem Eigenen quillt.“

Jan hätte es ähnlich formulieren können. In seiner Freude am Leben habe ich entdeckt: nicht allein Gebet und Askese führen zu Gott; ich begann auch das gute Leben, geteilt in Freundschaft, als Vorboten des „Reiches Gottes“ zu verstehen.

– Nun danken wir Jan für sein Leben, das uns soviel bedeutet hat und bedeutet. – Und mit denen, die glauben können danken wir auch Gott, dass er uns einen so liebevollen Menschen geschenkt hat. – Gedankt sei euch allen, die ihr in Freundschaft den Weg mit Jan gegangen seid.

Jan sagte mir einmal: „Ich bin sehr gespannt, was uns nach dem Tode erwartet.“

Je gründlicher er nach der Wahrheit suchte, um so unergründlicher erschien ihm die Tiefe des Geheimnisses Gottes. Nun darf Jan in das Licht dieses Geheimnisses eintreten. –

Die Schrift umschreibt dieses Versprechen Gottes auch mit dem Bild eines freudigen Festmahles (Lk 14,15-24). Dort werden sein Durst nach Wahrheit, sein Hunger nach Freundschaft, und nach der ‚Gerechtigkeit für alle’ gesättigt werden. –

Und wenn der Prophet Jesaja recht behält, werden auch die „feinsten Speisen und erlese­nen Weine“ (Jes 25,6) dabei nicht fehlen.

Hoffend, dass es so sein wird, freuen wir uns auf ein herzliches Wiedersehen.