+1986 Michael Walzer

Zu Beginn des Jahres 1986 haben wir in Berlin zwei Mitbrüder zu Grabe getragen, die manches gemeinsam hatten: Sie waren Jesuiten der Oberdeutschen Provinz, Priester, sie liebten das Evangelium und gaben die frohe Botdchaft Jesu Christi an die Menschen eiter, mit denen sie lebten und für die sie lebten. Der eine stand kurz vor seinem 88. Geburtstag, der andere vor seinem 38. Geburtstag. Beide verstanden sich gut und schätzten einander, obwohl sie nicht nur Jahre, sondern auch die Welten trennten, in denen sie lebten und arbeiteten. P.Georg Strassenberger S.J. . hatte jahrzehntelang das Wort Gottes in das katholische Millieu seiner Zeit hinein verkündet. P. Michael Walzer S.J. verbrachte Jahre der Ausbildung und seiner priesterlichen Tätigkeit in einem vorwiegend nichtchristlichen, atheistischen, mit sicherheit aber kirchenfremden Millieu. Dieses unterschiedliche Millieu zeigte sich auch in den Teilnehmern bei den zwei Beerdigungen in Berlin: Bei P. Strassenberger kamen Gläubige, vorwiegend aus St. Canisius, wo er bis drei wochen vor seinem Tod regelmässig gepredigt hatte. Zu Michael Walzer kamen die Menschen , zu denen er nicht nur irgendwie gepredigt hatte sondern mit denen er vor allem gelebt hatte: Die Arbeitskollegen der AEG;ausländische Arbeitsnehmer; ausländer, mit denen die Mitglieder der Kommunität in Kreuzberg über viele Jahre Freundschaft geschlossen hatten und die sich in der langen Zeit der Krankheit von Michael erst allmählich daran gewöhnen konnten, ohne diesen unaufdringlichen, freundlichen und nachdenklichen Kollegen und Mitmenschen leben zu sollen. Da waren vor allen Dingen junge Leute aus der Christlichen Arbeiterjugend, die mit Michael zusammen die Berliner CAJ aus der Taufe gehoben hatten und daran gegangen waren, ineinem Arbeiterviertel der Stadt einen Laden anzumieten, einen Treffpunkt für die Anliegen der Dritten Welt zu schaffen, für junge Arbeitslose(Deutsche und Ausländer)tätig zu werden. Hans Werner Spiess, ein engagierter Mann aus der CAJ, in dessen Familie sich Michael für einige Wochen in seiner schweren Krankheit aufhielt, hatte das alles mit,,seinem“CAJ Kaplan Michael bewerkstelligt, mit ihm und anderen Hand in Hand zusammengearbeitet. Nicht von ungefähr fanden sie dann den Namen für ihr Arbeitslosenprojekt:Kollektive Hand. Und nicht zuletzt erwiesen ihm die letzte Ehre jene Paare und Familien, die in ihm einen grossen Bruder gefunden hatten, der sich daran freute das es sie gab und das er ihre Zuneigung aktzeptieren durfte. Nicht von ungefähr auch fühlte Michael Walzer sich mit ihnen verbunden, die der alternativen Szene angehörten.Und schliesslich haben sich von ihm viele Mitbrüder aus der Oberdeutschen und Norddeutschen Provinz verabschiedet, solche, die mit ihm Studiert hatten,andere, die ihn einmal auf einer Tagung oder auf einem Symposium kennengelernt hatten, die sich ihm und seinem Anliegen verbunden fühlten.

Die Menschen, die sich da von ihm verabschiedeten, geben dem Sprichwort Recht: Zeige mir mit wem du umgehst; ich sage dir, wer du bist. Er wante sich vielen und durchaus unterschiedlichen Menschen mit sehr unterschiedlichen Interressen zu. Er blieb offen für sie und ihre Anliegen,bemühte sich, ihre Welt, ihre Ängste und Sehnsüchte zu verstehen. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, als Besserwisser erscheinen zu wollen oder Antworten bereitzuhalten, ohne sich intensiv auf den oder die Fragenden eizulassen.Unter dieser Gabe hat Michael zugleich gelitten: er fand sich zwischen verschiedenen Fronten oder Interessen. Er litt darunter wenn ihm jemand sagte,das er vor lauter Verständniss für alle möglichen Leute uneindeutig und unentschieden sei; er war gelegentlich hin und her gerissen zwischendem Wunsch, sich im sinne der Parteilichkeit des Evangeliums und den Optionen der Generalkongregationen für die Armen einzusetzen und der Angst, sich Klassenkämpferisch zu fixieren. Er blieb bis zuletzt ein suchender nach Gott,nach der Erkenntnis des Willens Gottes, nach Menschen, die ihm etwas von ihrem Leben mitteilen konnten, nach Freunden, bei denen er entspannen durfte, nach Gegnern, mit denen er argumentieren wollte und die ihn zugleich respektierten, nach Mitbrüdern, die mit ihm zusammen Jesuiten sein wollten und die ihm die Vielfalt von Fühlen und Denken im Orden erschlossen.So blieb es nicht aus, das er überall Vertrauen gewann: Michael Walzer erledigte in seiner Firma während der Arbeitspausen telefonische Botengänge zwischen seinen Arbeitskollegen und verschiedenen Ämtern. Eer vermittelte zwischen den draufgängerischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der CAJ einerseits und den eher betulichen Umgangsformen in den Gängen des Bischöflichen Ordinariats andererseits. Er hatte ein besonderes Vertrauen des Berliner Kardinals und konnte gerade dadurch diesem manche Vorstellung vermitteln vom Leben und Leiden nicht nur der ausländischen Arbeitnehmer sondern auch der jungen Arbeitslosen. Mitbrüder im Ignatiushaus, im Peter Faber Kolleg und im Canisius Colleg freuten sich , wenn er kam, weil sie den Eindruck hatten, er fühle sich in ihre besondere Lebensweise ein.

In der Zeit der Krankheit besuchte mich Michael Walzer wiederholt in der Offenen Tür Berlin.Sein kommen vollzog sich jedesmal in einem gewissen Ritual: Er stellte sein Fahrrad vor dem Haus ab, sicherte es gegen räuberischen Zugriff, griff sich seine sehr abgegriffene Aktenmappe, brachte die ein oder andere Plastiktüte in Sicherheit und strich sich über das Kinn, wo vorher lange ein mächtiger Bart gesessen hatte. Mag sein, das die Krankheit seine Bewegungen etwas verlangsamt hatte, aber dieses Ritual gehörte eben auch zu ihm:Er war sorgfältig, bedacht bis bedächtig,konzentriert auf das was,was er gerade tun wollte und mit einem anflug von Verlegenheit,das es nun um ihn und seine Probleme ging. Schon längere Zeit vor seiner Krankheit hatte er auf den so schön anzuschauenden Bart mit der bemerkung verzichtet:Ich brauch mich jetzt nicht mehr hinter einem Bart zu verstecken. Aus den Gesprächen mit Michael Walzer über mehrere Monate hin sind mir drei Punkte erinnerlich, um die die Gespräche immer wieder gingen: Seit seiner Jugend war er immer gern im Kreise junger engagierter Katholiken, die eine intensive Gemeinschaft miteinander suchten. Michael konnte mit sicherheit allein sein und für sich sein. Er hatte gelegendlich grüblerische Züge, kreiste immer wieder um die selben Gedanken und liebte einsame Momente.Aber wesentlich wichtiger waren ihm Gemeinsamkeiten mit anderen, Gespräche, einfühlendes Aufeinanderzugehen, gemeinsames Beten, gemeinsames Planen und Handeln. So hatte er es schon während der Schulzeit getan, das Christsein in Gemeinschaft liess den Wunsch entstehen, sich einem Orden anzuschliessen. Das seine Wahl auf den Jesuitenorden fiel, lag wohl mit daran, wie er Jesuiten erlrbt hatte oder was er von Jsuiten gehört hatte:Sie waren ihm als Menschen erschienen,die sich der sozialen Gerechtigkeit verflichtet fühlten,die die Not der Menschen sahen und für Veränderungen in Gesellschaft und Kirche eintraten und eintreten.

Ein jesuitischer Mitbruder aus Berlin