Hanns Heim

http://www.freilassung.de/presse/soli/tsp171201.htm

„Hier baut die Bundesrepublik an unserer Zukunft“

1983 den Knast bemalt

– wegen Protest gegen Nato-Doppelbeschluss sitzt Hanns Heim erneut in Haft

Hanns Heim, 62 Jahre alt, ist ehemaliger Arbeiterpriester des Jesuitenordens. Er wurde am 14. November 01 verhaftet und zur Erzwingungshaft in die JVA Lehrter Strasse eingesperrt – auf seiner Akte steht als Entlassungsdatum: 13. Mai 2002.

Am 20.11.01 schreibt er in einem Brief an seine Freunde:

“… Es war vor etwa 20 Jahren, wenn ich mich entsinne in der Nacht, nachdem das Parlament den sog. Nato-Doppelbeschluß billigte, daß ich an die Gefängnismauer des damals im Bau befindlichen Frauenknastes Plötzensee hinsprühte: „Hier baut die Bundesrepublik an unserer Zukunft” Das war eine Art Kriegserklärung: Ein Staat, der sowas tut, und ich – wir, das geht nicht zusammen. Dafür erhielt ich eine mehrwöchige Ersatz-Freiheitsstrafe, die ich bis zum letzten Tag absaß. Dann blieb aber noch die Schadensersatzforderung von 500.- DM für die Reinigung der “beschmutzten” Gefängnismauer. Ich weigerte mich. Der Gerichtsvollzieher kam, fand aber nichts zum Mitnehmen; schließlich die Aufforderung, einen Offenbarungseid zu leisten. Ich weigerte

mich, bis sie mich letzten Mittwoch vom Frühstück weg abholten…. Nun, ich werde nicht bezahlen und auch keinen Eid leisten und ich will auch nicht, daß irgendjemand sonst das tut….Die Aufregung um den Nato-Doppelbeschluß hat sich zwar gelegt unterdessen. Der Kalte Krieg ist zuende.- Aber die Waffen sind weitgehend geblieben…Nein, auch aus heutiger Sicht kann ich den Spruch, den ich vor 20 Jahren an die Wand sprühte, nicht als bloßen Schaden abtun lassen, den ich wieder gut zu machen hätte! Soweit meine ‚Bekenntnisse‘ .”

Die Freunde Hanns Heims ergänzen:

Die Ursprungssumme betrug 500,- DM, sie hat sich im Laufe des Verfahrens auf 1300,- DM erhöht. Täglich wird Hanns jetzt ein Betrag von ca 230,- DM in Rechnung gestellt. Hanns ist alleine für seinen Unterhalt zuständig, arbeitet als Taxifahrer bei der Kreuzberger Taxigenossenschaft eG. Nach juristischem Verständnis dient die “Erzwingungshaft” der Beugung von Hanns, unmehr diesen Offenbarungseid zu leisten. Sie ist abzubrechen, wenn dieser Zweck nicht erreicht werden kann. Wir sind sicher, daß sie im “Fall Hanns” ihren Zweck nicht erreichen wird. Trotz unterschiedlicher Bedenken in seiner Umwelt bleibt er unerschütterlich bei seiner Position. Außerdem soll dieses fragwürdige Beugungsgesetz selbst nach seinem eigenen Verständnis unbedingt “angemessen” sein: in Wirklichkeit ist die gegen Hanns verhängte Maßnahme aber unglaublich “maßlos” – sowohl was die Höhe des Ursprungsbetrags wie auch die Hartnäckigkeit der Verfolgung betrifft.

Juristisch handelt es sich hier um ein Privatverfahren zwischen einem Schuldner (Hanns) und einem Gläubiger (dem Land Berlin). Für dieses Verfahren gilt, daß es jederzeit durch einseitige Erklärung des Gläubigers abzubrechen ist. Wer ist denn da eigentlich zuständig: der AL-Justizsenator Wieland (eigentlich nicht als Law-and- Order-Mensch bekannt ?) oder der ach so freundliche Wowereit oder bald der Rechtsanwalt Gysi? Fragt die doch mal – und erst recht den neuen Senat – wann sie mit dem Quatsch aufhören wollen…!

Kontakt: Armin Meyer 030/920 99 76, amhsh@gmx.de

und Christian Herwartz, Tel. 030/614 92 51, christian.herwartz@web.de

Hanns freut sich über Briefe: Hanns Heim, JVA Lehrter Strasse 61, 10557 Berlin

 

Sinnvoll leben!

Es handelt sich hier nicht um ein Recht oder eine Forderung, die man irgendjemand gegenüber machen könnte, sondern es ist eine Forderung an einen selbst: Lebe sinnvoll! Sie geht davon aus, daß wir freie Menschen sind, immer und unter allen Umständen – trotz aller einengenden Grenzen – und so auch verantwortlich sind für unsere Antwort. Es mag ja sein, daß wir uns zurecht nicht jeden Tag fragen, ob unser Leben sinnvoll ist, wohl aber kenne ich es so, daß Depressionen, Herumhängen oder auch hektischer Aktivismus ein Hinweis darauf sind, daß wir der Frage ausweichen bzw. die Antwort nicht haben. Es sind die großen Krisen unseres Lebens, wenn sich die Frage nach dem Sinn unseres Lebens, so wie wir es führen, stellt. (Ich rede jetzt nicht von der noch fundamentaleren philosophischen Frage, ob das Leben überhaupt einen Sinn hat) Es ist klar, daß ich die Suche nach einer Antwort an niemanden delegieren kann: Niemand kann mich lehren, wie mein Leben sinnvoll zu gestalten ist, ich muß es schon selbst herausfinden. Dabei werden rationale Überlegungen eine Rolle spielen, auch wenn es letztlich dann ein Gefühl ist, mein Leben habe Sinn bzw. habe keinen.

Es gibt, wie man beobachten kann, etliche Menschen, die es für sich klar haben, daß für sie eine Leben ohne Arbeit Sinn macht. Dazu rechne ich z.B. die Mitglieder beschaulicher Orden. Sie wollen nicht sich nützlich machen in dem gebräuchlichen Sinn. Sie machen keine produktive Arbeit, auch keine Erziehungsarbeit. Der Sinn ihres Lebens, so sagen sie es, sei das Gebet, ich sage: die Arbeitsverweigerung. Wenn ich recht informiert bin, können z.B. Kartäuser in den Gebetspausen durchaus sich handwerklich betätigen, verkaufen ihre Produkte aber nicht, sondern zerstören sie hinterher wieder. Auch unter Obdachlosen, Punks etc. sind viele Menschen, die sich sehr bewußt jeder produktiven Verwertbarkeit verweigern – und dies offensichtlich als sinnvoll wahrnehmen.

Auch bei fast allen Arbeitergeschwistern gibt es dieses Moment: Sinnvolles Leben ohne Arbeit: Viele von uns haben Theologie o.Ä. studiert, wurden zu Priestern geweiht, verweigern aber den Einsatz erworbener Fähigkeiten, nicht selten gegen die starken Erwartungen ihrer Umgebung. Sie alle machen deutlich: Sinnvolles Leben, man kann auch sagen: Leben in Würde, ist nicht identisch mit Arbeiten. Sie schieben einen Riegel vor die tötliche Rede vom lebensunwerten Leben eines Arbeitslosen. Damit wird deutlich, daß es sich nicht um eine völlig irrationale individuelle Laune handelt, wenn jemand sich für ein Leben ohne Arbeit, vielleicht auch gegen die Arbeit als sinnvoll entscheidet, sondern daß es eine gesellschaftliche Funktion hat. So sind die ersten Wüstenväter zu verstehen als Reaktion auf das aufkommende Modechristentum nach der konstantinischen Wende. Ein bettelnder Punk protestiert gegen unsere leistungsbewußte Gesellschaft etc.

Es gibt eine ideologische Ditatur der Arbeit, die ich aufs schärfste ablehne. Ein Arbeitsloser muß nicht ein unglücklicher Mensch sein, weil ihm die Erfüllung seines Lebens versagt bliebe und ein Arbeit`geber´ ist nicht ein Wohltäter der Menschheit, nur weil er einige Arbeitsplätze `schafft´, egal mit wieviel Unsinn die gewährte Arbeit da einhergeht.

Es ist richtig, Arbeit kann zusammen mit dem dadurch gegebenen Einkommen dem Menschen Würde geben, Selbstverwirklichung sein, ein Selbstwertgefühl ermöglichen, die Basis sein für soziale Kontakte und was wir sonst noch an Positivem auch in unseren Runden gefunden haben, aber sie kann eben auch genau das Gegenteil: Sie kann einen Menschen entwürdigen, ihn seiner Selbständigkeit, seines selbständigen Urteils berauben, ihn krank machen, alkoholsüchtig, weil er nur so den ganzen Unsinn noch ertragen kann, das Mobbing, die kollegiale Disziplinierung, den Leistungsdruck von oben usw. Militär, Schule, Fabrik, Kirche und Gefängnis waren und sind die Institutionen, in denen die Menschen zugerichtet werden um in einem Sinne zu funktionieren, der gewiß nicht identisch ist mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Sicher, vieles hat sich gewandelt in den letzten 100 Jahren, speziell auch in den letzten 30 Jahren, weg von autoritären Mustern hin zu mehr Mitverantwortung, demokratischeren Verhältnissen. Vieles verändert sich gerade jetzt, wird flexibler, dezentraler in der Arbeitsorganisation. Doch die ideologische Diktatur der Arbeit ist geblieben, wurde eher verstärkt. Jede Arbeit an sich ist schon als Wohltat anzusehen und als sol che anzunehmen. Vor Jahren war es noch üblich, bei der Beurteilung einer evtl. anzunehmenden Arbeit nach der Entlohnung zu fragen, der Entfernung vom Wohnort, den Urlaubstagen, dem Betriebsklima, dem Arbeitsdruck, – all das ist unterdessen zunehmend irrelevant gegenüber dem `Glück´ eines neuen Arbeitsplatzes, ganz zu schweigen vom eigentlichen Inhalt der Arbeit.

Davon haben die Gewerkschaften schon immer abstrahiert. Sie haben für die Arbeitsplätze in den Kohlengruben gekämpft wie für die Arbeit im AKW, der Chemie, egal was da für Sauereien dabei herauskamen, so nach dem Motto “Arbeit her!” als Inbegriff menschlicher Erfüllung und deshalb auch gewerkschaftlichen Kampfes.

Die Kirchen stimmten ein mit einem Hohen Lied über die Würde der Arbeit, des arbeitenden Menschen – und vergaßen dabei, daß die Arbeit seit der Vertreibung aus dem Paradies mit einem Fluch behaftet ist, einem Fluch, der letztlich aus der menschlichen Überheblichkeit entspringt, sein zu wollen wie Gott, d.h. sich über die Mitmenschen zu erheben, sie dem eigenen Nutzen und Willen gemäß zu gebrauchen – und wegzuwerfen.

Wie schön wäre es wir könnten im Berlin der letzten 10 Jahre sagen :Wir bauen uns unsere Stadt neu! So ist es aber nicht. Die Investoren lassen bauen, die Politiker hofieren sie. Wer nicht derem Gusto entspricht, soll gefälligst verschwinden.

Schon für Isaias war es Teil seiner Gottesreich-Utopie, ein Haus zu bauen, um anschließend selbst drin zu wohnen. Vielleicht sollte man daraus lernen, daß es nicht so leicht ist, aus den Strukturen entfremdeter Arbeit auszubrechen, man sollte aber auch einsehen können, daß es nicht das höchste Glück ist, für andere Leute Häuser zu bauen – und selbst mit einem mehr oder weniger mageren Lohn nachhause zu gehen..

Es macht meiner Meinung nach trotzdem keinen Sinn, eine Parole `Kampf der Arbeit´ auszugeben und sie von `Tätigkeit´ oder was auch immer zu unterscheiden. Es ist unserem Sprachgebrauch und das heißt dem Empfinden der Menschen nach eben auch Arbeit, wenn ich in meinem Garten Gemüse anbaue, die Wohnung meines Freundes renovieren helfe etc. Die Grenze zu Lebensbereichen, die wir nicht mehr als Arbeit bezeichnen, auch nicht als Arbeitsverweigerung, sind wohl fließend. Ein Buch zu lesen, ist Muße, ein Buch durchzuarbeiten um daraus einen Vortrag zu machen, ist schon eher Arbeit. Manche sagen, sie hätten ihr Hobby zum Beruf gemacht (von dem sie finanziell leben) Was das Hobby dann doch von der Berufsarbeit unterscheidet, ist wohl das Maß an (Selbst-) Disziplinierung, vom Anderen her gesehen an Verläßlichkeit. Jemand mag für sein Leben gern Arzt sein, er wird aber auch seine Sprechstunden einhalten müssen, wenn er keine Lust hat oder ihm die Patienten auf die Nerven gehen. Viele von uns haben sich einmal bewußt von der (durch das Studium vorgesehenen) geistigen Arbeit abgewandt und eine manuelle Arbeit angefangen. Es war ein Schritt weg von einer freieren, gesellschaftlich angeseheneren Arbeit zu mehr Stumpfsinn, Fremdbestimmung etc.Wir haben uns dabei leiten lassen von der christlichen Hoffnung, daß wir durch das solidarisach erlittene Ungemach hindurch den weg finden werden zu einer gemeinsamen besseren Zukunft, durch das Kreuz zur Auferstehung. Manches an Stumpfsinn haben wir vielleicht stärker erlitten als unsere Kollegen und Kolleginnen, für die das ihr selbstverständlicher Lebensweg war, mit dem sie seit Generationen umzugehen gelernt hatten. Nicht selten trieb es uns zum Aufruhr. Nicht selten waren wir in Gefahr, als Wortführer allzu schnell wieder aus den Niederungen hochkatapultiert zu werden. Aber auch andersherum: Hat nicht unser christliches Pflichtbewußtsein, Kreuzesnachfolge etc. uns manchmal verleitet, angepaßter, ergebener, pflichtbewußter zu arbeiten, als es unserer kollektiven Bestimmung zur Freiheit, zur Würde, dem Sinn unseres Lebens gut getan hat? Wir konnten eben mit einer christlichen Motivation noch einen Sinn sehen, wo die Sinnlosigkeit schon längst unsere Revolte hätte produzieren sollen. Nun ja, im Laufe der Jahre haben wir gelernt, daß eben Jeder und Jede für sich die Antwort suchen muß und unsere Antworten legitimerweise verschieden ausfallen…

Wenn ich Taxi fahre, abstrahiere ich davon, warum jemand von A nach B fahren will, Hauptsache, er bezahlt. Der Fahrgast bleibt anonym und ich auch. Anders, wenn ich jemand privat zum Bahnhof fahre, z.B. weil ich einen Tapetenwechsel für ihn gut finde. Dennoch ist das anonyme Taxifahren für mich nicht einfach sinnlos – weil ich dadurch meinen Lebensunterhalt verdiene, weil es das ist, wodrum herum sich mein Kollektiv organisiert und auch weil ich nicht selten auch die Arbeit selbst sinnvoll finde, z.B. gehbehinderten Menschen zu mehr Mobilität zu verhelfen, Betrunkene vor einem Unfall bzw. Führerscheinentzug zu bewahren etc. Es bleibt uns die selbstkritische Frage, ob wir für unsere Brötchen tatsächlich so viel Diesel in die Luft pusten sollen. Allgemein läßt sich sagen, je globaler die Arbeitszusammenhänge sind, an denen ich beteiligt bin, umso abstrakter ist die Arbeit. Ich kann es nicht mehr überschauen, und beeinflussen, was meine Arbeit bedeutet. Bin ich gerade an einem Rauschgiftschmuggel beteiligt oder an einer Konferenz zur Rettung der Menschheit aus einer Umweltkatastrophe? Ich weiß es als Taxifahrer meistens nicht.

Selbstbestimmte Arbeit: Ich finde diese Blickrichtung etwas zu individualistisch. Es geht viel mehr um sinnvolle Arbeit. Diese bestimmt sich aber nicht allein aus meinem Selbst, sondern aus einer Wechselwirkung zwischen mir und der Gesellschaft, der ich angehöre, die meine Arbeit braucht und bezahlt. Nur die allerwenigste Arbeit (wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann) hat allein mit mir zu tun: Wenn ich meine Wäsche wasche, oder Kartoffeln für meinen Eigenbedarf anbaue. Schon wenn die Kartoffeln eine ganze Familie ernähren sollen, entsteht in gesellschaftlicher Bezug der Arbeit. Normalerweise ist er aber sehr viel komplizierter und es legt sich nahe für mich, den Sinn der Arbeit hauptsächlich an dem Geld zu messen, das sie mir einbringt. Wenn ich 400 Mark am Tag Umsatz mache, habe ich ein Erfolgserlebnis, bei 200 Mark bin ich frustriert – obwohl wir im Kollektiv nach Stundenlohn arbeiten, also mein persönliches Einkommen – zunächst mal – vom Umsatz unabhängig ist. Es ist schon eine allgemeine Erfahrung: Das selbst verdiente Geld gibt ein Selbstwertgefühl, das Arbeitslose vermissen. Eine andere Quelle des Selbstwertgefühls eines arbeitenden Menschen ist sein fachliches Können, das Bewußtsein, eine Maschine, einen Werkstoff zu beherrschen und deswegen gebraucht und (mehr oder weniger) gut bezahlt zu werden. Selbst als Taxifahrer haben wir einen Stolz auf unsere mehr oder weniger guten Ortskenntnisse.

Damit sind wir bei der gesellschaftlichen Anerkennung von Arbeit. Sie spiegelt sich zu einem gewissen Teil im Verdienst wider. Manager, Ärzte; Computerspezialisten, Fernsehmoderatorinnen stehen an der Spitze gesellschaftlicher Hochachtung und verdienen auch spitzenmäßig. Intellektuelle Arbeit ist höher angesehen als manuelle. Dies scheint seit den alten Griechen so zu sein. Die sozialistischen Länder versuchten das zu ändern. Willibald Jacob: “Wer in der DDR um 5 Uhr am Bahnsteig stand, war auch wer.” Entsprechend war der Einkommensunterschied zwischen einem Akademiker und einem Arbeiter viel geringer als im Westen. Warum hat sich das nicht bewährt?

Das gesellschaftliche Ansehen unserer Arbeit verleiht uns ein verstärktes Selbstwertgefühl und läßt uns unsere Arbeit und letztlich unser ganzes Leben eher als sinnvoll erscheinen. Nicht selten aber bricht der Sinn eines glanzvollen Lebens im öffentlichen Rampenlicht ein. Was einem lange Zeit sinnvoll erschien, erscheint sinnlos, die Krise ist da. Die Suche nach einem Sinn beginnt ganz von vorne und führt mitunter zu einer radikalen Umwertung: der Aussteiger ist geboren, die `Bekehrung´ oder wie immer es erlebt werden mag. Gesellschaftliche Anerkennung erweist sich mitunter als trügerische Basis eines vermeintlich sinnvollen Lebens.

Ein Wort zum sogenannten Existenzgeld, garantierten Mindesteinkommen, Bürgergeld etc. Hier laufen offensichtlich ganz verschiedene Absichten zusammen. Eine damit verbundene Hoffnung geht dahin, daß durch das arbeitsunabhängige Einkommen die Arbeit selbst von dem Druck, Geld verdienen zu müssen, befreit wird, d.h. der Einzelne kann sich viel leichter der Tätigkeit zuwenden, die ihm nicht nur Spaß macht, sondern die ihm auch gesellschaftlich sinnvoll und nützlich erscheint, so nach dem Motto: Stell Dir vor, ein Unternehmer sucht Arbeiter, aber niemand geht hin, weil niemand sein Geld braucht und niemandem die Arbeit sinnvoll erscheint, die er getan haben will. Der Gedanke ist bestechend – aber kann er funktionieren? Es setzt ein hohes Maß an Bewußtsein für ein wie immer geartetes Gemeinwohl voraus, einschließlich der Bereitschaft, sich dafür einzusetzen. Die ist im Moment sicher nicht vorhanden. Es gibt kein Gemeinwesen, dem sich der Einzelne derart verbunden fühlte – und die Zeiten des Nationalismus, als es offenbar möglich war, Menschen zu motivieren, weil es der Nation bzw. dem Führer diene, wünschen wir uns nicht zurück. Das Mindesteinkommen wird ja letztlich vom Staat garantiert, der entweder Geld druckt, d.h. das Mindesteinkommen eben doch nicht garantiert – oder bei zu erwartendem Absinken der Leistungsbereitschaft der Bevölkerung zu Zwangsmaßnahmen greift, die bestimmt dem vorher vorhandenen Zwang, Geld durch Arbeit verdienen zu müssen, in nichts nachsteht. Außerdem bedeutet der Staat als Garant dieses Einkommens eine Machtkonzentration, der niemand entkommen kann, was im jetzigen System durch Wechsel des Lohnherren in engen Grenzen möglich ist.

Wenn man genauer hinschaut, kann man entdecken, daß auch jetzt schon sehr viel an gesellschaftlich notwendiger Arbeit ohne Bezahlung geschieht – nämlich überall dort, wo Menschen sich mit einer Gruppe von Menschen identifizieren, in der Familie, der Nachbarschaft, Sportvereinen, politischen oder karitativen Gruppen. Die dabei immer wieder zu beobachtende Umwandlung von ehrenamtlicher Arbeit in bezahlte Arbeitsstellen, erscheint mir ambivalent, macht das ganze Problem im Kleinen deutlich.

Eine Bemerkung zu kirchlichen Arbeitsverhältnissen. Vermindertes Kirchensteueraufkommen zwingt die Kirchen zu Sparmaßnahmen, d.h. Streichung von Stellen bezahlter Arbeit. Zumindest im katholischen Bereich macht diese Wirtschaftslogik vor dem Priestertum Halt. Da es sich hierbei ja um eine göttliche Berufung handelt, kann sie ja nicht von der Finanzlage der Diözese abhängen. Priestertum kann nicht ein Job sein, den man für Geld macht und der bei Geldmangel vom Arbeitgeber gekündigt werden kann. Im gegenwärtigen System führt das allerdings dazu, daß das finanzbedingte Entlassungsrisiko einseitig von den nicht-priesterlichen Angestellten einer Diözese getragen wird. Die hohe Motivation, etwas aus göttlicher Berufung heraus zutun, verwandelt sich in ein klerikales Privileg aufkosten der Nicht-Kleriker. Theologisch handelt es sich um eine Einengung des Berufungsgedankens auf den Priesterberuf. Wenn man den Gedanken zugrunde legt, daß jede Tätigkeit eines Christen Teil seiner Berufung ist oder sein sollte, gerade wenn sie innerhalb der verfaßten Kirche geschieht (Kindergärtnerin, Organist, Friedhofsverwaltung), dann kann man ein Tätigkeitsverbot nicht mehr mit der Finanzlage einer Diözese begründen, sondern höchstens, daß eine Kirche eine bestimmte Tätigkeit von ihrem Inhalt her nicht länger als einen göttlichen Auftrag sehen kann (z.B. Bundeswehrseelsorge). Das heißt aber, daß die Kirche die real vorhandenen Einnahmen so unter sich aufteilen wird, daß alle (hauptamtlichen) Mitglieder bestmöglich ihren verschiedenen Berufungen nachgehen können – und niemand dabei verhungert., also die Einführung eines (von den Gesamteinnahmen abhängigen) Existenzgeldes im Rahmen dieser Gesinnungsgemeinschaft (oder wie das heißt zur Begründung eines Gewerkschaftsverbotes in der Kirche)

Es fällt mir schwer, ein Fazit zu ziehen. Eines scheint mir deutlich. Wir brauchen eine verschärfte Diskussion um den Sinn der jeweiligen Arbeitsinhalte. Nur wenn die Gewerkschaften z.B. verstärkt darauf eingehen, können sie legitimerweise auch gegebenenfalls einen Stellenabbau oder einen Lohnverzicht mittragen. Andernfalls sind sie einfach Kollaborateure mit dem Klassenfeind, ums mal traditionell marxistisch zu sagen. Auch unsere christliche Motivation (Jesus bei den Armen, d.h. Lohnabhängigen, manuell Arbeitenden, zu suchen und zu finden) darf diese Diskussion nicht überlagern oder ausblenden, sondern sollte uns befähigen, sie verstärkt zu führen – mit allen Konsequenzen. Die Diskussion wird uns die gesellschaftliche Utopie erkennen lassen, die uns gegenwärtig fehlt und die das Leben in dieser Gesellschaft erträglich, weil sinnvoll macht.

Das Postulat “Sinnvoll leben!” wird uns auch unweigerlich zu dem Thema “Sinnvoll konsumieren” führen, schon weil in unserer Marktgesellschaft alle noch so gut gemeinte Prodution vom Verbraucherverhalten abhängt. Wir sehen ja gerade, wie die BSE-Krise durch verändertes Verbraucherverhalten einer naturnäheren Landwirtschaft plötzlich ganz neue Chancen gibt.

Ich konnte auch feststellen, wie meine letzte Arbeitslosigkeit es mir ermöglichte, viel stärker mein Verbraucherverhalten zu verändern. Ich war z.B. nicht mehr auf die schnelle Currywurst und den Kaffee im Plastikbecher angewiesen, sondern konnte mir Gedanken machen, sowohl über gesünderes Essen wie Vermeidung von Einwegmüll.

So, jetzt höre ich einfach auf. Vielleicht regt es ja den Einen oder die Anderen an zum Nachdenken, uns alle zu weiterer Diskussion und zu einer Klärung, was wir, einzeln wie gemeinsam, wollen, d.h. was für uns eben Sinn macht und was nicht.

Hans, Januar 2001

 

Tagesspiegel Nachrichten : Berlin 17.12.2001

Nach 20 Jahren: Theologe wegen Graffiti im Gefängnis

Weil sich Überzeugungstäter Hanns Heim weigert, seine Schuld einzugestehen, sitzt er seit Mitte November in Erzwingungshaft Barbara Junge

Sein Freund und Arbeitskollege Armin Meyer nennt ihn einen „konsequenten und hartnäckigen Menschen“. Der Direktor des Amtsgerichts Tempelhof-Kreuzberg, Manfred Wolf, nennt ihn einen „Überzeugungstäter“. Aber was soll man von einem 62-jährigen ehemaligen Jesuitenpriester auch anderes erwarten, als dass er nach seinen Überzeugungen handelt?

Hanns Heim sitzt seit dem 14. November in Erzwingungshaft. Weil er in der Nacht, nachdem der Nato-Doppelbeschluss gebilligt worden war, seine Ansichten an die Gefängnismauer in Plötzensee sprühte. „Hier baut die Bundesrepublik an unserer Zukunft“, stand dort. Vor bald 20 Jahren. Die Strafe für die politisch motivierte Sprayerei hat Heim längst abgesessen. Eine Ersatzfreiheitsstrafe, denn bei dem Arbeiterpriester war nicht viel zu holen.

Blieb noch die beschmutzte Gefängnismauer, deren Reinigung immerhin 500 Mark gekostet hat. Hanns Heim jedoch weigert sich seit Jahren, diese Summe zu zahlen. Denn „auch aus heutiger Sicht kann ich den Spruch, den ich vor 20 Jahren an die Wand sprühte, nicht als bloßen Schaden abtun lassen, den ich wieder gutzumachen hätte!“ Deshalb wartet er nun – voraussichtlich bis zum Mai nächsten Jahres – in der Justizvollzugsanstalt Lehrter Straße auf das Ende seiner Erzwingungshaft. Dass er den Schaden doch noch als solchen erkennen wird, halten seine Freunde für eher unwahrscheinlich. Und auch Manfred Wolf meint: „Er will die Sache durchziehen.“

Anfang der 60-er Jahre ist Hanns Heim nach Indien gezogen, um dort Theologie zu studieren. „Ein religiöser Mensch, der in einer religiösen Gemeinschaft leben wollte“, beschreibt ihn ein Freund. „Er empfindet eine große Liebe zu denen, die ausgegrenzt werden“, ein Kollege. Eigentlich wollte Heim in Indien bleiben. Doch Anfang der 70-er Jahre ist er wieder da – weil er gesehen habe, dass „die ursächliche Ausbeutung in der ersten Welt stattfindet“.

Zurück in der Bundesrepublik wendet sich Heim der Tradition der Arbeiterpriester zu. Diese hatten in den 20-er Jahren in Frankreich neue Wege gesucht, um ihren Einfluss auf die Arbeiterschaft zu erhalten. Die Theologen gingen einer geregelten Arbeit nach, anstatt von der Kanzel zu predigen. Heim fährt Lastwagen, dann Taxi und zieht in eine Jesuitengemeinschaft nach Kreuzberg. Hier sucht er das Gespräch mit Hausbesetzern, Obdachlosen und militanten Linksextremen. Beliebt macht er sich dabei in der Kirche nicht. Schließlich tritt der Querulant aus seinem Orden aus; „die Kirche hat sich nicht ausreichend um die Armen gekümmert“, erklärt ein Freund die Motivationen von Heim.

Unter dem Aktenzeichen 33M888/00 führt Amtsgerichtsdirektor Manfred Wolf die Akte Heim. Diese erzählt die Geschichte eines Schadens, der im Laufe des Verfahrens von 500 Mark auf etwa 7 000 Mark angestiegen ist – und sich gefängnistäglich um etwa 200 Mark erhöht. Irgendwann in diesem jahrelangen Rechtsstreit hat das Land Berlin, das natürlich auf der Bezahlung bestanden hat, einen Gerichtsvollzieher zu Hanns Heim in seine Kreuzberger Wohnung geschickt. Der Verursacher muss für den Schaden aufkommen und wenn er dazu gezwungen wird, so die juristische Sachlage. Der Gerichtsvollzieher jedoch hat bei Heim nichts gefunden, was pfändenswert gewesen wäre.

Für die Geschichte mit dem Graffiti hätte es einen Ausweg gegeben: Der Schuldner Heim versichert seinem Gläubiger, dem Land Berlin, dass er keine Mittel besitzt, um für den Schaden aufzukommen. Das Verfahren wäre längst eingestellt worden. Aber nicht mit Heim. Mit einer Unterschrift hätte er den Schaden zugegeben, argumentierte Heim. „Das ist eine Geschichte wie Michael Kohlhaas“, stöhnt Wolf. Denn das Amtsgericht könne gar nicht anders als dem Antrag des Gläubigers zu folgen. „Der Staat macht das ganz humorlos.“ Erlasse man dem Schuldner die Erzwingungshaft in einem Fall, verliere „doch das ganze Instrument seine Wirkung“. Die Justizverwaltung beharrt jedenfalls auf der Erzwingungshaft. Zwar werde sich Justizsenator Wolfgang Wieland (Grüne) nicht zu einem Einzelfall äußern, sagt sein Sprecher Martin Steltner. Doch insgesamt gelte, dass die Justiz nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten entscheiden könne. „Es geht darum, nicht zu kapitulieren“, sagt Steltner. Zumindest in diesem Punkt ist er sich mit Hanns Heim einig.