Ortswechsel, Arbeit, Reich Gottes von Thomas

Ortswechsel, Arbeit, Reich Gottes – Theologische Stichworte zum Leben der Arbeitergeschwister in Deutschland

Schriftliche Fassung des Referates beim Symposion: „Christen als Sauerteig in der Berufswelt“ am 09.03.2014 in Fulda , Veranstalter: Arbeitsgemeinschaft Ständiger Diakonat in Deutschland

Die Arbeitergeschwister in deutschsprachigen Raum sind eine kleine Gruppe von Christinnen und Christen, katholisch wie evangelisch, ausgebildete TheologInnen, Ordensleute, evangelische Pfarrer und katholische Priester, die in der Tradition der französischen Arbeiterpriester in Deutschland, der Schweiz und Österreich Nachfolge Jesu im Milieu der Arbeitswelt versuchen.

1. Geschichtliche Wurzeln: Die Arbeiterpriester in Frankreich

Ab 1941 hat Jaques Loew, ein Dominikaner, in Marseille als Docker gearbeitet. Im gleichen Jahr gründete Kardinal Suhard die „Mission de France“, um Priester für die Mission im Arbeitermilieu auszubilden. Ab 1943 schickte die französische Bischofskonferenz Priester undercover mit den Zwangsarbeitern in die Kriegsproduktion nach Deutschland. Daraus ist das Tagebuch von Henri Perrin entstanden: „Tagebuch eines Arbeiterpriesters“.

Nach dem Krieg begannen dann einige Priester mit Erlaubnis ihrer Bischöfe meist in Großbetrieben zu arbeiten. Sie taten das in der Pianischen Epoche, in der selbst Papst Johannes der XXIII noch die Priester so verstand: „Der Kleriker ist als ein Mann zu betrachten, der aus dem Volk ausgesondert, in einzigartiger Weise mit höheren Aufgaben betraut und einer göttlichen Macht teilhaftig ist; mit einem Wort: er ist ein zweiter Christus.“ Der Konflikt mit Rom konnte nicht ausbleiben. Er begann 1954 und kulminierte 1959 im Verbot der Arbeiterpriester.

Diese erste Zeit wurde auch geprägt von Madeleine Delbrel, Simone Weil, dem Dominikanertheologen Dominique Chenu, René Voillaume, dem Gründer der Kleinen Brüder und der Ordensgründerin Kleine Schwester Magdeleine. Beide beziehen sich auf Charles de Foucauld, der der ganzen Bewegung wesentliche Impulse gab.

Offiziell wieder zugelassen wurden die Arbeiterpriester durch das Zweite Vatikanische Konzil mit dem Dekret über die Priester (Presbyterorum ordinis) im Kapitel 8. Ende der 1970er Jahre arbeiteten in Frankreich fast 1000 Priester im Betrieb. Heute sind es noch einige hundert Arbeiterpriester, die meisten verrentet aber aktiv, deutlich weniger als 100 gehen einer Erwerbsarbeit nach.

2. Arbeitergeschwister in Deutschland

Seit Anfang der 70er Jahre gibt es auch Arbeiterpriester in Deutschland, die den französischen Impuls aufnahmen. Heute nennen sie sich Arbeitergeschwister, ein Kreis von ca. 50 Menschen, von denen sich 20-30 zwei Mal im Jahr treffen. Dazu kommen regionale Treffen im Jahreslauf.

International gibt es „Arbeiterpriester“ in verschiedenen Ländern in sehr unterschiedlichen Ausprägungen: Eher „klassisch“ orientierte in Frankreich, Italien, Belgien, Spanien, Portugal. Erfahrungen aus dem Untergrund gibt es in Osteuropa, besonders im heutigen Tschechien. Evangelische Pfarrer in der ehemaligen DDR gehören ebenso dazu wie anglikanische Pfarrerinnen und Pfarrer, die sich „Ministers in Secular Employment“ nennen. Die „Tentmaker“ aus der presbyterianischen Kirche in USA gehören dazu. Nicht wenige Pastorinnen und Pastoren in afrikanischen Kirchen müssen ihren Lebensunterhalt mit Lohnarbeit verdienen. Einige davon begreifen ihre Arbeit auch als einen Ort der Nachfolge Jesu. Das Spektrum ist groß und bunt. Man darf sich durch die deutsche Situation einer gut abgesicherten Kirche mit einem großen hauptamtlichen Apparat den Blick für die weltweite Normalität vieler Kirchen, deren Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten (müssen), den Blick nicht verstellen lassen.

3. Theologische Spuren zum Ansatz der Arbeitergeschwister

Um den theologischen Ansatz und Hintergrund der Arbeitergeschwister zu skizzieren, sollen hier 3 Begriffe kurz erläutert werden: Es handelt sich um die Stichworte: Ortswechsel, Arbeit und Reich Gottes. Sie werden jeweils mit einem biblischen Referenztext belegt und dann in einigen Punkten ausgeführt.

3.1. Ortswechsel

Der biblische Text: Phil 2, 5-11, (der Philipperhymnus)

Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:

Er war Gott gleich, /

hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,

sondern er entäußerte sich /

und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich. / Sein Leben war das eines Menschen;

er erniedrigte sich /

und war gehorsam bis zum Tod, / bis zum Tod am Kreuz.

Darum hat ihn Gott über alle erhöht /

und ihm den Namen verliehen, / der größer ist als alle Namen,

damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde /

ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu

und jeder Mund bekennt: /

«Jesus Christus ist der Herr» – / zur Ehre Gottes, des Vaters.

  • ins Gleiche gehen“

Es geht darum, konkrete Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen zu suchen, sich selbst zum Nächsten zu machen, gleiche Arbeitsbedingungen anzunehmen und auf Augenhöhe zu kommunizieren. „Sein Leben war das eines Menschen“

  • Klassenwechsel

In die Klassensituation wird man hineingeboren, eine Klassenposition kann man einnehmen, theoretisch wie lebenspraktisch. „Auf welcher Seite stehst du“, fragt ein altes Lied aus der Geschichte der Arbeiterbewegung. „Er hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein“. Theologisch ist hier der Begriff der „Kenosis“, der Selbstentäußerung relevant.

  • Leben mit

Das „vivre avec“ ist eines der zentralen Stichworte der französischen Arbeiterpriester. Es grenzt sich ab zum „Leben für“, wie es eher für sozialarbeiterische Ansätze typisch ist. Besonders will es jede Form des Assistentialismus ausschließen.

  • Unheilbar privilegiert (M. Delbrel)

Bei allem Mühen um ein Mitleben, bleibt natürlich die eigene Vergangenheit, die erhaltene Bildung und die anderen Möglichkeiten, die potentiell gewählt werden können. Aus diesem Grund trifft insgesamt der Begriff „Partielle Identifikation“ den Ansatz besser.

  • Organische Intellektuelle (A. Gramsci)

In der Analyse Gramscis hat jede gesellschaftliche Klasse, „organische Intellektuelle“, mit denen sie verbunden ist und die der jeweiligen gesellschaftlichen Klasse ihre Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Dieser Gedanke stammt aus den Überlegungen der Befreiungstheologen, die klären wollen, in welcher Form Menschen der Mittelklasse eine „Option für die Armen“ theoretisch und praktisch treffen können.

  • Aus der Kirche in eine säkularisierte Welt

Der Ortswechsel bezieht sich nicht nur auf die gesellschaftliche Stellung, sondern auch auf die Beziehung zur Kirche selbst. Normalerweise sind Betriebe heute Orte, an denen die Kirche nicht oder äußerst selten vorkommt. Das gilt nicht für Religion ganz allgemein und schon gar nicht für das Reich Gottes. Das ist größer als die Kirche und wächst oder schrumpft gerade auch jenseits ihrer Grenzen. Die Botschaft des Evangeliums muss sich hier gerade in einer säkularisierten Welt bewähren.

  • Ort des Lebens ist Ort der Spiritualität

Der Glaube wird durch den Ort der Arbeit, den Alltag im Betrieb mit seinen täglichen Auseinandersetzungen geformt. Er wird einfacher, elementarer, erdverbundener und praktischer. Er äußerst sich in alltäglicher Solidarität und in einer ständigen und feinfühligen Suche nach Gott.

  • Funktion im Betrieb

Von einfacher, un- oder angelernter Tätigkeit über Vertrauensfrau/-mann der Gewerkschaftsgruppe bis zum freigestellten Betriebsrat gibt es die ganze Bandbreite unter den Arbeitergeschwistern. Das hängt oft von den konkreten Bedingungen im Betrieb ab und auch von der je eigenen Berufung, den persönlichen Stärken und Lesarten des Evangeliums.

  • Die einen sind im Dunkeln und die andern stehn im Licht, doch man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.

Der Ortswechsel ist entscheidend auch ein Perspektivenwechsel. Mit wessen Augen sehe ich die Welt? Von wo aus und mit welcher Sichtweise erkenne ich Probleme und Schwierigkeiten. Option für die Armen ist ja nicht nur der Hinweis auf die, die im Dunkeln sind, sondern wesentlich auch der Versuch, mit ihren Augen die Welt zu sehen, sich einzuüben in die Weise, wie sie mit Niederlagen umzugehen und wie sie auf die mögliche bessere Welt hoffen.

3.2. Arbeit

Der biblische Text: 1 Thess 2,9:

Ihr erinnert euch, Brüder, wie wir uns gemüht und geplagt haben. Bei Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen, und haben euch so das Evangelium Gottes verkündet.

  • Sohn des Zimmermanns

Er war ja schließlich Zimmermann“, heißt es in einem modernen Musical über Jesus, der (s)einen Sarg öffnet. Die längste Phase des Lebens Jesu ist im Lukasevangelium (Lk, 2, 51-52) mit einem Satz abgehandelt. Charles de Foucauld hat diese Zeit das „Nazarethleben“ genannt. Wir wissen fast nichts über diese Zeit. Ohne Zweifel war sie für Jesus trotzdem bedeutsam. Es ist zu vermuten, dass er das Handwerk seines Vaters erlernte und bis zu seinem öffentlichen Auftreten auch ausübte. Bischof Pedro Casaldáliga hat es einmal so ausgedrückt: Im Bauch Mariens wurde Gott Mensch. In der Werkstatt Josefs ein Arbeiter und Handwerker.

  • Nicht von der Kirchensteuer, sondern von eigener Arbeit leben

Gerade so (!) wollte Paulus das Evangelium verkünden. Das Evangelium der Gnade muss frei sein. Inhalt und Form der Verkündigung müssen übereinstimmen. Arbeit selbst wird Teil der Verkündigung. Wenn sie sinnvoll ist und nachhaltige Produkte und Dienstleistungen hervorbringt, kann sie auch als Schöpfungsteilhabe verstanden werden.

  • Als lebensentscheidender Ort

Arbeit ist für sehr viele ein identitätsstiftender, Leben sichernder Ort. Über Erwerbs-Arbeit definieren sich viele Menschen unserer Arbeitsgesellschaft. Deshalb gibt es umgekehrt eine so große Reihe von Problemen mit Arbeitslosigkeit, weit über die ökonomisch eingeschränkte Lage hinaus.

  • Als politisch und gesellschaftlich wichtiger Ort

Betriebsarbeit ist der Ort, an dem sich gesellschaftliche und ökonomische Machtverhältnisse konkretisieren und an dem sie aufeinander treffen. Will man diese zugunsten der „Bedrängten aller Art“ (Vatikanum II) ändern ist sie ein hervorragender Ort, das zu tun. Das gilt auch noch im Finanzkapitalismus neoliberaler Prägung.

  • Als Ort des Eingreifens

Schon die scholastische Theologie hat Inkarnation nicht nur als Menschwerdung sondern als Eingreifen Gottes „um des Heiles der Menschen willen“ verstanden. Der Betrieb ist der Ort des Eingreifens und der Auseinandersetzung um „Gute Arbeit“, um familienfreundliche Arbeitszeiten, um existenzsichernde Löhne , um Teilhabe und Mitbestimmung u.v.a.m.

  • Als Ort der Solidarität

Der Betrieb ist der Ort täglicher, praktischer Solidarität mit Kolleginnen und Kollegen, aber auch der Ort der großen Auseinandersetzungen und Streiks um Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzungen und Humanisierung der Arbeitswelt.

  • Monotonie, Stress, Unter-/Überforderung

Betriebliche Arbeit in ihrer modernen Form ist Ausdruck eines Machtverhältnisses und bei weitem nicht immer erfüllend und der Selbstverwirklichung dienend. Sie fordert den Aspekt des Mit-Leidens, des Aushaltens, des „Gehorsams“ im Sinne des Philipperhymnus heraus.

  • Bete, während du arbeitest, Christus begegnen

Besonders die einfache Handarbeit kann einen Aspekt von Komtemplation mitten im Alltag annehmen. Sie schafft Raum zum Gebet. Sie öffnet die Augen und das Herz für die Begegnung mit Christus, für das „Sakrament des Bruders/der Schwester“, wie es Hans Urs von Balthasar ausgedrückt hat.

3.3. Reich Gottes

Der biblische Text: Mt, 6,33

Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.

  • Das Reich Gottes hat die Priorität

In der Nachfolge Jesu geht es nicht um die Kirche und ihre Zukunft, sondern zuerst um das Gottesreich und seine Gerechtigkeit

  • Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Jesu.

Dieser Ansatz von Gaudium et Spes weist die Richtung. Ziel und Horizont christlichen Handelns ist die Welt und die Menschen in ihr, besonders die Armen und Bedrängten aller Art. Es geht um die Erlösung der Welt. Die Kirche ist ein Teil der Welt und kann nur mit der Welt, nicht gegen sie, erlöst werden.

  • Leben vor dem Tod

Gustavo Gutierrez fordert uns auf, „der Erde treu zu sein“. Es geht um das Leben der Menschen in Fülle, und zwar vor dem Tod. Das ist die Aufgabe der Jüngerinnen und Jünger Jesu. Das Leben nach dem Tod liegt allein in Gottes Hand.

  • Werktagschristentum

Was „sonntags“ verkündet wird, muss auch noch montags (bis samstags) an der Stechuhr gelten und will dort gelebt werden. Die zentralen Botschaften der Bergpredigt, die ja in die Reich Gottes Perspektive mündet, wollen im Alltag gelebt und an den Sonntagen korrigiert, gefeiert und ermutigt werden.

  • Als neue Menschen, in einer neuen Kirche, für eine neue Welt (Casaldáliga)

Die Perspektive des Gottesreiches geht weit über die Kirche hinaus, schließt jede und jeden einzelnen und die Kirche mit ein. In dieser Perspektive gilt es Prioritäten zu setzen und Kräfte zu investieren.

  • Identität der Kirche im Dienst an den Schwachen

Es gibt keine vordefinierte Identität der Kirche, sie ist immer Ergebnis eines Prozesses, der sich jeweils immer in neuen Situationen bewähren muss. Kirche entsteht ständig neu und wird immer dort zur Kirche Jesu Christi, wo sie in seinem Sinne handelt und in seinem Geist lebt, also gerade im Dienst an den Armen und Schwachen.

  • Reich Gottes Verträglichkeit

Überall in der Wirtschaft gibt es Audits und Verträglichkeitsprüfungen. Das gesamte Handeln von Christen und Kirchen muss auf seine „Reich-Gottes-Verträglichkeit“ hin überprüft werden. Die Kirche muss „Reich-Gottes-gemäß“ sein, ihr Handeln an seinen Prinzipien ausgerichtet und ihre Ressourcen dafür eingesetzt werden. Das gilt natürlich auch für das Handeln einer/eines jeden einzelnen und bedarf ständiger Prüfung und Umkehr.

  • Kirche als Werkzeug

Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts (Bischof Gaillot). die Kirche ist nicht für sich selbst da. Sie „schafft sich ab“ (im doppelten Sinn) am Reich Gottes.

  • Diakonia, Martyria, Liturgia, Koinonia

Von den klassischen Grundvollzügen erhält unter den Arbeitergeschwistern die Diakonia den Vorzug. Die Liturgia wird oft in verschiedenen Formen der Meditation und des gemeinsamen Gottesdienstes, auch der Eucharistie, gelebt. Die Koinonia hat ihren Ort in der Gruppe der Arbeitergeschwister und auf den gemeinsamen Wegen mit allen, die sich für das Reich Gottes einsetzen und unter den KollegInnen oder im Stadtteil. Aus all dem wird Martyria.

  • Hoffnung auf „neue Erde“ als Kraft zum Widerstand

Glaube ist der Gegenentwurf zum TINA-Syndrom der Alternativlosigkeit. Für Christinnen und Christen gibt es immer eine andere Erde, eine andere Möglichkeit, einen Weg hinaus ins Weite.Die Utopie lässt uns gehen (Eduardo Galeano). Diese Haltung gilt auch in den aktuellen Zeiten „messianischer Dürre“ (Elsa Tamez) und „im Exil“, das wir ertragen gelernt haben. In den Überflussgesellschaften der „ersten Welt“ tun wir als Christen so, als seien wir in Ägypten zu Hause.(D. Sölle) Sie sind aber nicht das verheißene Land. Wir brauchen eine Exodus-Existenz, die begreift und verwirklicht, dass wir in der „Welt“ sind, aber doch nicht von der „Welt“.

4. Konsequenzen einer Bewegung

Ob die Bewegung der Arbeiterpriester und der Arbeitergeschwister Konsequenzen haben wird, mögen andere beurteilen. In der Kirchengeschichte des 20. Jahrunderts haben sie zweifelsohne eine Rolle gespielt und Impulse gegeben.

Zwei Bemerkungen zum Schluss

4.1. Ausdrückliche Zustimmung zur Aufforderung von Pater Alfred Delp

Alfred Delp hat im Gefängnis kurz vor seiner Hinrichtung geschrieben: „Das Schicksal der Kirchen wird in der kommenden Zeit nicht von dem abhängen, was ihre Prälaten und führenden Instanzen an Klugheit, Gescheitheit, politischen Fähigkeiten’ usw. aufbringen. Wir haben durch unsere Existenz den Menschen das Vertrauen zu uns genommen. (… )

Von zwei Sachverhalten wird es abhängen, ob die Kirche noch einmal einen Weg zu diesen Menschen finden wird.“

Und Delp nennt zunächst die Einheit der Christen.

Das zweite aber ist „die Rückkehr der Kirche in die ‚Diakonie’:

in den Dienst der Menschheit. Und zwar in einen Dienst, den die Not der Menschheit bestimmt, nicht unser Geschmack.Rückkehr in die Diakonie‘ habe ich gesagt. Damit meine ich das Sich-Gesellen zum Menschen in allen seinen Situationen mit der Absicht, sie ihm

meistern zu helfen (…). Damit meine ich das Nachgehen und Nachwandern

auch in die äußersten Verlorenheiten und Verstiegenheiten des Menschen,

um bei ihm zu sein genau und gerade dann, wenn ihn Verlorenheit und

Verstiegenheit umgeben. ‚Geht hinaus‘, hat der Meister gesagt, und nicht

Setzt euch hin und wartet, ob einer kommt‘. Damit meine ich die Sorge auch

um den menschentümlichen Raum und die menschenwürdige Ordnung. Es

hat keinen Sinn, mit einer Predigt und Religionserlaubnis, mit einer Pfarrer-

und Prälatenbesoldung zufrieden die Menschheit ihrem Schicksal zu überlassen.

(…) Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienst der physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschheit.“

4.2. Bischof Gaillot hat recht: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“.

Diese Überlegung stellt sich als Frage allen Christen, auch denen der nächsten Generation.

Sie müssen sie selbst beantworten. Ich hoffe, dass da die Erfahrungen und Impulse der Arbeitergeschwister hilfreich sein können.

Jedenfalls sehe ich durch das Schreiben von Papst Franziskus „Evangelii Gaudium“ das Anliegen bestätigt und weiterentwickelt. „Wie sehr wünschte ich eine arme Kirche für die Armen“, sagt er und das spricht mir ganz aus dem Herzen. Aber auch der Papst wird davon abhängig sein, ob seinen Impuls viele (auch viele ständige Diakone und Arbeitergeschwister) aufgreifen und leben. Und da bin ich zuversichtlich – und wenn nicht in Deutschland, dann aber sicher in der Weltkirche.

Thomas Schmidt, Priester des Bistums Limburg