Thomas Lehmann, Industriepfarrer lang

Industriepfarrer, auch als Arbeiterpfarrer bezeichnet, schließen im deutschsprachigen Raum der evangelischen Kirchen nach dem 2.WK an konzeptionelle Gedankendes Widerstandskämpfers und evangelischen Pfarrers Dietrich Bonhoeffer an. Der 1945 ermordete Theologesprach in seinen Briefen aus der Haft in Tegel von einer notwendigen Neukonzeption von Kirche und Pfarramt nach einer Befreiung vom NS. Danach sollte die Pfarrerschaft weltliche Berufe zum Lebensunterhalt ausüben oder auch von Spendengeldern leben. Nach 1945 knüpften nur einige Junge in der Pastorenschaft, Männer wie Frauen, im Gebiet der späteren DDR, an diese Konzepte an, indem sie zugleich die Arbeiterschaft und Landbevölkerung außerhalb der mittelschichtsorientierten Kirchenstrukturenin den Mittelpunkt ihres Wirkens stellten. Treibende Kraft dabei war der Pfarrer Horst Symanowski, ein Schüler Bonhoeffers, der in Ostdeutschland zu diesem Zweck die sogenannte „Bauwagenmission“ begründete. Einen nachfolgenden Ansatz ab 1948 leitete er im westdeutschen Bereich in Mainz ein, wo er selbst in die Industriearbeit wechselte und im kirchlichen Werk der Gossner Mission das „Industrieseminar“ in Mainz-Kastell gründete. Mit Rückenwind aus der Ökumene (vgl die Kirchenkonferenz in Evanston 1954) und der EKD-Synode in Espelkamp 1955, wo Symanowski den Hauptvortrag zum Thema Arbeitswelt hielt, entstand bei der Gossner Mission ein Ausbildungsgang unter seiner leitung,der Jahrgänge von Pfarrerinnen und Pfarrern mit der Industriearbeit und den dort tätigen Menschen und ihren Fragen in Berührung brachte. In beiden deutschen Staaten waren diese konzeptionellen Auftragsverschiebungen an den Rand und nach unten innerhalb der Kirchen eher gelitten als gefördert, in der DDR dazu noch unter skeptischer Beobachtung oder zeitweiliger Mißbilligung der Staatsorgane.
EKDweit organisierten sich die Industriepfarrer ab 1956 in der „Arbeitsgemeinschaft der Sozial-, Industrie- und Arbeiterpfarrer“(ASIA) später abgelöst vomKirchlichen Dienst in der arbeitswelt“(KDA).

In der sich wandelnden Industriegesellschaft ab den 1970er Jahren mit Rationalisierung von Arbeitsprozessen und darauf folgender Digitalisierung/Computerisierung verschwindet zunehmend die Überkommene Industriearbeit. Massenentlassungen, outsourcing schaffen darüber hinaus einen Niedriglohnsektor und gefäfrden das Tarifsystem. Das alte Konzept der Industriepfarrer „verdampft“.
An die Stelle treten vielfältige Aufgabenbereiche, weiterhin außerhalb der verfassten Kirchen. Entgarantierte Arbeit außerhalb der Tarifstruktur der Gewerkschaften, Leiharbeit bis hin zu prekären Arbeitsverhältnissen, soziale Armut, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit geraten in den Blick der Industriepfarrer.
Die jüngere Generation beschleunigt Transformationen in diese Arbeitsfelder. Die vormals mehrheitliche Männerwelt der
Industriepfarrer öffnet sich gegen Ende des 20.Jhdts für Frauen ebenso wie für die engagierten Laien, die in die Konvente der Industriepfarrer aufgenommen werden. Heute organisieren sich die ehemaligen Industriepfarrer gemeinsam mit den katholischen Arbeiterpriestern in ökumenischen Konferenzen als sogenannte „Arbeitergeschwister“ mit regelmäßigen regionalen bis hin zu internationalen Treffen.
Im Mittelpunkt geblieben sind die sozialethisch motivierte Teilhabe an den gewerkschaftlichen, sozialen und politischen Auseinandersetzungen entlang der Parteinahme für Menschenwürde, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, das Eintauchen in entsprechende Milieus und Mitleben mit Menschen am unteren Rand der Gesellschaft.

Es war ja der Perspektivwechsel auf diese Belange der Gesellschaft,
den die Industriepfarrer nach 1945 vollziehen wollten.
Raus aus den etablierten und situierten Bahnen der Kirchen.
Am Rand die Mitte suchen.

Artikel von Thomas Lehmann 2015

1958 gingen Theologiestudenten/Pfarrer in der DDR in den Braunkohletagebau

 

Literatur Arbeiterpfarer*innen