Leseprobe Untergrundseelsorge

W. Knauft, Zwischen Fabriken, Kapellen und KZ
Untergrundseelsorge mit vatikanischer Rückendeckung ( S.77 – 86)
Vorbereitungen zur „Mission St. Paul“
Kardinal Suhard hatte seiner Vatikanreise im Januar 1943 Papst Pius XII. über die geplante „Lösung St. Paul“ informiert und dessen Zustimmung erhalten. Der Kardinal war überzeugt, dass man bis zum 30. März 1943 mit 600 000 französischen Zivilarbeitern in Deutschland rechnen müsse. Es sei „nicht möglich, Hunderttausende von Arbeitern ohne priesterlichen Beistand zu lassen“. Es blieb somit kein anderer Ausweg, als eine Untergrundseelsorge aufzubauen: die „Lösung St. Paul“. Der Name des Völkerapostels für dieses pastorale Experiment ist deshalb gewählt worden, weil schon Paulus im Gefängnis für seine Gemeinden missionarisch gewirkt hatte.
Der Pariser Kardinal bat noch am Tag seiner Rückkehr aus Rom seine 87 Mitbischöfe und alle Ordens-oberen in Frankreich, geeignete Freiwillige für den geplanten pastoralen Einsatz in Deutschland zu benennen. Die Kriterien dafür sollten sein: „Erfahrung mit dem Arbeitermilieu, Ausgeglichenheit der Persönlichkeit und Klugheit“.(1) Im Laufe des Februars wurden daraufhin die Namen von über 200 Geistlichen nach Paris gemeldet. Aus dieser Anzahl stellte Rodhain erste Kandidaten-listen auf und prüfte diese Kandidaten in einem Gespräch unter vier Augen auf ihre Eignung. Kardinal Suhard lud dann die zukünftigen Seelsorger für die Arbeiter in Deutschland zum 2. März ins Pariser Erzbischöfliche Palais ein. Außer 26 Freiwilligen und verschiedenen vertrauenswürdigen Beobachtern aus der Nordzone Frankreichs nahm er selbst ebenfalls an dieser Begegnung teil. In seiner Ansprache ermahnte der Kardinal die zukünftigen Untergrundseelsorger, ihren Auftrag geistlich und nicht politisch aufzufassen. Ihm war klar: jede politische Parteinahme gegen Deutschland würde die Pastoral schwer gefährden oder sogar unmöglich machen. Wie hart die deutschen Behörden gegen angebliche „Reichsfeinde“ vorgingen, war inzwischen landesweit bekannt geworden.

Später, am 22. und 23. März 1943, fand ein weiteres Eignungstreffen für Geistliche aus der Südzone statt und zwar in Lyon. Rodhain rief schon eine Woche danach bereits die ausgewählten Kandidaten und neue Freiwillige zu einem dritten Treffen nach Paris, um sich über jeden noch einmal ein persön-liches Urteil zu bilden. Erst danach stellte er die endgültige Liste der für Deutschland bestimmten 25 Seelsorger zusammen. Zum dama- ligen Zeitpunkt musste man bereits davon ausgehen, dass sie keinen legalen Status er- halten würden, sondern höchstwahrscheinlich als Untergrundpriester arbeiten müss- ten.

Erste Erfahrungen mit Arbeiterpriestern hatten die französischen Bischöfe durch P. Henri Perrin SJ gewonnen, der als Hafenarbeiter in Marseille gearbeitet hatte.
——–
(1) Molette, Charles : La « Mission Saint Paul » traquée par la Gestapo. Persécution et dé- portation des militants de l’apostolat catholique français en Allemagne. Paris 2003, S.118

S. 78
Im Oktober 1942 war auf Initiative der französischen Kardinäle und Erzbischöfe in dem Wallfahrtsort Lisieux in der Normandie die „Mission de France“ als überdiözesanes Seminar für die Arbeiterseelsorge eröffnet worden. 30 Seminaristen begannen damals mit ihrem breit gefächerten Studienprogramm. Dieses Experiment im eigenen Land mitten im Zweiten Weltkrieg war die missionarische Antwort auf die erschreckende Entchristlichung der französischen Gesellschaft. Die Gedankenwelt der Aufklärung mit ihrem aggressiven Antiklerikalismus und die breite Parteinahme der Arbeiterschaft für kommunistische Ideen hatten zu einer Massenentfremdung gegenüber der Institution Kirche geführt. Es war zwischen Kirche und Arbeiterschaft eine tiefe soziale und psychologische Kluft entstanden. Der atheistisch denkende, selbstbewusste Arbeiter bestritt der Kirche wegen ihrer angeblichen Komplizenschaft mit dem Kapitalismus jegliche Glaubwürdigkeit für ihre lebensorientierende Heilsbotschaft. Die „Mission de France“ war der Versuch, die zwar katholisch getaufte, aber der Kirche entfremdete Arbeiterschaft zurückzugewinnen. Kaum mehr als zwei Prozent der französischen Arbeiter besaßen außer ihrem Taufschein noch eine persönliche kirchliche Bindung. Unterstützt wurde dieser Versuch der Neuevangelisierung und Milieuverchristlichung durch Mitglieder der verschiedenen katholischen Verbände. Besondere Bedeutung hatte dabei die Christliche Arbeiterjugend JOC (Jocisten), die nach dem apostolischen Modell des belgischen Abbé Josef Cardijn arbeitete.

Das Gesetz zur Arbeitsverpflichtung (STO) vom 16. Februar 1943 erregte unter der fran- zösischen Bevölkerung erhebliche Unruhe. Das veranlasste Kardinal Suhard, am 27. Fe- bruar 1943 in einer „Religiösen Woche“ in aller Öffentlichkeit das Versprechen abzuge- ben, er wolle seine Anstrengungen verstärken, um wenigstens Frauen und junge Mäd- chen vor dem Zugriff der Dienstverpflichtung zu bewahren. Ihm sei daran gelegen, dass „allen Abreisenden Existenz- und Arbeitsbedingungen garantiert sind, die ihre Gesund- heit schützen und den legitimen Erfordernissen ihres moralischen und religiösen Lebens entsprechen“. Er habe in diesem Sinne bereits „Schritte unternommen, damit zugunsten der französischen Arbeiter im Ausland eine wirksame, französischen Priestern anvertraute Seelsorge aufgebaut“ werde. Was im Einzelnen konkret geplant war, teilte er der Öffentlichkeit natürlich nicht mit.
Obwohl zu diesem Zeitpunkt die „Lösung St. Paul“ praktisch bereits beschlossene Sache war, wollte der Kardinal dennoch erneut versuchen, die Erlaubnis zur offiziellen Seelsorge zu erlangen. Er intervenierte deshalb am 11. März 1943 nochmals bei Marschall Pétain und Ministerpräsident Laval und bat beide, sich für die Seelsorge an französischen Arbeitern in Deutschland einzusetzen. Sein Hauptargument: „Die 600 000 Franzosen, die in Deutschland arbeiten, haben keinen einzigen französischen Seelsorger, der sich um sie kümmert.“ Diese dritte Intervention blieb ebenso ohne Erfolg wie die beiden vorangegangenen. Die Doppelstrategie der Bischöfe war gescheitert. Es blieb nur die Untergrundseelsorge, die „Mission St. Paul“.
Bei dem Treffen am 30. und 31. März 1943 in Paris machte Abbé Rodhain die bereits ausgewählten Untergrundseelsorger mit dem eingetroffenen Päpstlichen
Seite 79
Reskript bekannt, das ihnen für den Einsatz in Deutschland besondere Vollmachten übertrug. Sie bezogen sich auf Dispensen von einigen liturgischen Bestimmungen für die Messfeier und die eucharistische Nüchternheit. Außerdem wies Rodhain auf die gebotene Diskretion bei der zukünftigen Arbeit hin. Er zitierte aus Briefen von Abbé Hadrien Bousquet in Berlin und Abbé Noël Pel. Bousquet hatte bald nach seiner Ankunft in Ludwigsfelde von teilweise verheerenden Zuständen in Lagern und vom pastoralen Notstand im Großraum Berlin detailliert nach Paris berichtet.
Nur französischer Episkopat wagt „Katakombenseelsorge“
Auf der gemeinsamen Konferenz der französischen Kardinäle und Erzbischöfe am
7. und 8. April 1943 in Paris fielen dann offiziell die Würfel für das „Experiment Katakom ben“. Es war die erste gemeinsame Versammlung dieser Oberhirten seit 1940, da die Erzbischöfe aus dem inzwischen deutschbesetzten Süden jetzt erstmalig wieder nach Paris reisen konnten 2 . Kardinal Suhard vertrat in der Bischofskonferenz noch- mals den Standpunkt, wenn eine legale Lösung der Pastoral nicht erreichbar sei, müsse man notgedrungen den Weg in den Untergrund zu gehen. Die Kirche müsse in jedem Fall ihre An- teilnahme und Mitverantwortung am Schicksal der Arbeiter in Deutschland zum Ausdruck ringen. Die Angehörigen der Action Catholique bedürften unbedingt geistlicher Unterstützung. Außerdem sei es notwendig, die Angehörigen der Zwangsver-pflichteten in Frankreich durch ein öffentliches Wort anzu- sprechen, zumal weite Kreise über das Schweigen des Episkopats zum STO-Gesetz beunruhigt seien. Offenbar vermissten viele französische Katholiken zur Orientierung ihres eigenen Gewissens ein klares, offenes Hirtenwort ihrer Bischöfe. Die Bischöflichen Mitbrüder Suhards stimm- ten dieser Einschätzung grundsätzlich zu, obwohl einige Erzbischöfe Vorbehalte über die Erfolgschancen anmel-deten. Ob diese Skeptiker dabei auch die repressive deutsche Kirchenpolitik in Elsass-Lothringen seit August 1940 oder die Berichte über den Kirchenkampf in Deutschland vor Augen hatten, ist aus heutiger Sicht schwer zu sagen.
Die französischen Bischöfe waren im Zweiten Weltkrieg die einzigen aus den von Deut- schland besetzten Ländern, die trotz aller möglichen Gefahren das Experiment der Untergrundseelsorge für ihre Landsleute im deutschen Exil wagten. Die Bischöfe Belgiens und der Niederlande wollten dieses
Sicherheitsrisiko nicht eingehen. In Belgien hatten sich ebenfalls mehrere Welt- und Ordensgeistliche beim Primas von Belgien, Kardinal van Roey, Erzbischof von Mecheln und Brüssel, (3) gemeldet, um wie ihre französischen Amtsbrüder zum Arbeitseinsatz nach Deutschland zu gehen. Der belgische Kardinal fragte bei den deutschen Behörden
————–
2 Die katholische Kirche Frankreichs ist in 17 Kirchenprovinzen gegliedert, an deren Spitze jeweils ein Erzbischof steht.
3 Joseph Ernst van Roey (1874-1961), 1926 Erzbischof von Mecheln und Primas von Belgien, 1927 Kardinal
Seite 80
um Genehmigung nach, die ihm jedoch verweigert wurde. Mit dieser Ablehnung be- gnügte er sich und nahm von dem Einsatz belgischer Seelsorger in Deutschland Abstand .
Aus den Niederlanden ist lediglich ein auf persönliche Initiative zurückgehender Fall eines Untergrund-priesters in Deutschland bekannt. Kaplan Wim Vroom aus dem Bistum Haarlem ging freiwillig als Arbeiter nach Berlin und wirkte hier in seiner Freizeit heimlich als Seelsorger 5 . Für den Berliner Raum war es Bischof Preysing nach Verhandlungen mit dem Reichskirchenministerium gelungen, den niederländischen Herz Jesu Priester Piet Notermans als Kaplan an der St. Pius Kirche anzustellen. Er war offiziell nur für die deutschen Gemeindemitglieder zuständig. In Wirklichkeit jedoch leitete Notermans die breit gefächerte, organisierte Seelsorge an niederländischen Zwangsarbeitern in Berlin, die in der St. Pius-Gemeinde praktisch ein Pastoralzentrum hatten 6 . Er konnte die Arbeit des Berliner Kaplans Eduard Miarka 7 weiterführen, der die spezielle Seelsorge für die niederländischen Zwangsar-beiter in Berlin aufgebaut hatte. Der Gestapo war zwar bekannt, dass bei den regelmäßigen Treffen die bestehen- den staatlichen Bestimmungen unterlaufen wurden. Aber mit taktischer Klugheit gelang es Notermans, diese Seelsorge an mehreren Hundert niederländischen Zwangsarbeitern bis Kriegsende durchzuhalten. Der von der Gestapo bis zur Kapitulation unentdeckte niederländische Kaplan Wim Vroom hat die Pastoral von Notermans in Berlin tatkräftig unterstützt. Tagsüber arbeitete er als Schlossergehilfe bei den Reinickendorfer Argus-Motoren-Werken. An den Abenden war er als Seelsorger unterwegs zu seinen Landsleu- ten und sonntags und an vielen Werktagen zelebrierte er in kleinem Kreis holländischer Zwangsarbeiter hinter verschlossenen Türen in der Hauskapelle des St. Josefsheims der Karmelitinnen in der Pappelallee.
Aus einem Brief von Weihbischof Heinrich Wienken vom 3. Dezember 1941 an den Freiburger Erzbischof Conrad Gröber geht übrigens hervor, dass der Berliner Bischof von Preysing schon frühzeitig die Initiative ergriff, um eigens einen Seelsorger für die Flamen nach Berlin zu holen. Seine Bitte an den Primas von Belgien, Kardinal Roey, soll jedoch bis Dezember 1941 ohne Antwort geblieben sein. Wienken fügte hinzu: „Es war vor einigen Wochen studienhalber ein Franziskanerpater aus Belgien in Berlin. Er hat die religiöse Not der Flamen hier an Ort und Stelle kennen gelernt und ist dann in die Heimat gefahren, um dort vom belgischen Episkopat geeignete Priester für Deutschland zu erbitten 8 .“ Seit seiner Abreise seien aber bereits vier Wochen vergangen, ohne dass Priester aus Belgien einge-
—————-
4 Eikel, Markus: Französische Katholiken im Dritten Reich. Die religiöse Betreuung der französischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter 1940-1945. S. 291
5 Knauft, Wolfgang: Schnitter – KZ-Häftlinge – Zwangsarbeiter. Berlin 2001, S. 113
6 Ebd. S. 99 f.
7 Eduard Miarka (1913-1960), 1938 Priesterweihe in Berlin, 1938-1945 Kaplan in St. Pius, 1950 Pfarrer in Wittstock. Der Name Miarka-Bewegung wurde für die Seelsorge für niederländische Zwangsarbeiter in Berlin üblich.
8 Volk, Ludwig (Hrsg.): Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945 Bd. V. S. 649
Seite 81
troffen sind. Die prinzipielle Ablehnung der Entsendung belgischer Priester nach Deutschland durch Kardinal Roey war Weihbischof Wienken in Berlin offenbar zum damaligen Zeitpunkt nicht bekannt.
Einsatz nicht flächendeckend
Der Pariser Kardinal Suhard bestätigte am 9. April 1943 die endgültige Namensliste jener Priester, die so bald wie möglich nach Deutschland abreisen sollten. Telegraphisch wurden die 25 Geistlichen aus den verschiedenen französischen Departements über diese Entscheidung informiert. Sie sollten unverzüg- lich nach Paris kommen, um schon zum bevorstehenden Osterfest in Deutschland an Ort und Stelle sein zu können. „Man darf keine Stunde mehr verlieren. Selbstverständlich ist die unabdingbare Voraussetzung für die Vorbereitung des Osterfestes absolute Verschwiegenheit“, hieß es in dem Telegramm 9 .
Bei einem nochmaligen Treffen wurden geeignete Zielorte für die einzelnen Geistlichen ausgewählt. Flächendeckend konnte der Einsatz im deutschen Reichsgebiet nicht geplant werden. Die deutsche Ostseeküste mit den Hafenstädten Kiel, Rostock, Stettin und Danzig mit ihren großen Werften musste ebenso unberücksichtigt bleiben wie das „zweite Ruhrgebiet“, das oberschlesische Industriegebiet. Einige Priester wünschten sich Orte, an denen ihnen bekannte Mitglieder der Christlichen Arbeiterjugend oder der Pfadfinder bereits lebten. Für andere wurden die Bestimmungsorte durch Rodhain festgelegt.
Die erste Gruppe der Untergrundpriester fuhr kurz vor Ostern 1943 nach Deutschland. Bestimmungsorte waren Berlin, Augsburg, München, Köln, Leipzig, Wien, Hamburg und Düsseldorf. Zielorte einer zweiten Gruppe, die nach Ostern abreiste, waren Nürnberg, Frankfurt/Main, Graz, Stuttgart, Hamburg, Leverkusen und Dresden. Eine dritte Gruppe, die zwischen Juli und Oktober 1943 abfuhr, reiste nach Leipzig, Düsseldorf, Mannheim, München, Dortmund und Elberfeld. Schwerpunkte bildeten also die Industriezentren im Raum Berlin, im Kölner Raum, dem Ruhrgebiet und im Großraum Leipzig.
Für die Reichshauptstadt und das Umland wurden der bereits in Berlin arbeitende Abbé Hadrien Bousquet aus dem Bistum Rodez, sowie Abbé René Giraudet aus dem Bistum Luçon und Abbé Marcel Manche aus dem Erzbistum Besançon vorgesehen. Abbé Pierre de Porcaro aus dem Bistum Versailles wurde nach Dresden geschickt. Er ist später ver- haftet worden und am 10. März 1945 im KZ Dachau umgekommen. Der Dominikanerpa- ter Michel Évrard wurde für Hamburg bestimmt. Er arbeitete zunächst dort bei der Werft Blohm u. Voss, danach im Raum Augsburg. Dort wurde er verhaftet und nach Frankreich zurückgeschickt. Ebenfalls in Hamburg arbeitete der Jesuit Jean Nicod, der später gleichfalls verhaftet wurde. In
———–
Seite 82
das mitteldeutsche Industriegebiet wurden entsandt: Abbé Clément Cotte aus dem Bistum Clermont-Ferrand, der Jesuit Henri Perrin und Abbé Louis Roland aus dem Bistum Lille. Alle drei wurden verhaftet, die beiden letzten nach der Haftentlassung nach Frankreich abgeschoben. Der Assumptionist P. Elory reiste nach Wien, auch er wurde festgenommen und in das KZ Dachau eingewiesen. Abbé Marc Luquet aus der Diözese St. Germain, der nach Graz ging und in einem Elektrizitätswerk arbeitete, wurde 1944 gleichfalls verhaftet und in das KZ Dachau eingeliefert.
Der Assumptionist P. Pierre Santu arbeitete als Maschinist an der Münchener Oper und ist der Verhaf- tung entgangen. Abbé Noël Pel, der zur Diözese Valence gehörte und nach Augsburg reiste, wurde später von der Gestapo verhaftet und in das KZ Dachau eingewiesen. Abbé Joseph Gelin aus dem Erzbistum Lyon arbeitete in Nürnberg und entging der Verhaftung. In den Raum Stuttgart wurden Abbé Gustave Laugeois aus dem Erzbistum Paris und der Jesuit Catoire entsandt, die beide von der Gestapo unentdeckt geblieben sind. Der Oblatenpater Jean Sion und der Kapuziner Damascène Besson erhielten als Tätigkeitsraum die Industriestadt Mannheim zugewiesen. Im Industriege- biet Frankfurt/ Main wirkte Abbé René Fraysse aus dem Bistum Viviers, der zuvor schon Aumônier fédéral der Christ-lichen Arbeiterjugend gewesen war. Auch er ist verhaftet worden und kam später in das KZ Dachau 10 . In Dortmund war Abbé Louis Gall, Professor am Priesterseminar der Diözese Soissons, tätig. Er konnte sich dem Zugriff der Gestapo durch Untertauchen entziehen.
In Düsseldorf arbeiteten der Dominikanerpater Georges Morelli und Abbé Paul Poulain aus der Diözese de Laval. Beide wurden später inhaftiert, der letztere ist dann nach Frankreich abgeschoben worden. Abbé Marius Staron aus der Erzdiözese Lyon ging nach Velbert b. Wuppertal und wurde nach einiger Zeit Opfer der Gestapo. Sein Mitbruder, der Jesuit Victor Dillard, der in Wuppertal arbeitete, wurde gleichfalls verhaftet und starb am 12. Januar 1945 im KZ Dachau. Bei IG Farben in Leverkusen war der Dominikaner Jean Doyen tätig, während Abbé Pierre Jeu aus der Diözese Dijon in Mülheim/Ruhr arbeitete. Abbé Jeu wurde verhaftet und nach Frankreich ausgewiesen. P. Doyen OP dagegen erlebte das Kriegsende als Häftling im KZ Dachau.
Insgesamt fielen auch etwa 1 500 französische Theologiestudenten und Seminaristen unter das Zwangsarbeitergesetz. Sie arbeiteten in verschiedenen deutschen Werkstätten und Fabriken, waren aber auf das fremde soziale Milieu und die Diasporasituation in keiner Weise vorbereitet. Manche der nach Berlin gekommenen Seminaristen haben die ungewohnte Lebenssituation engagiert und apostolisch angenommen. Manche fanden sich dagegen nur schwer in der fremden Umgebung zurecht. Einige sahen mehr die Chance, Deutsch zu lernen, als in der Action Catholique aktiv mitzuarbeiten. Manch einer ist dann auch nicht wieder in das Semi-
—————
10 René Fraysse hat seine Erlebnisse unter dem Titel „Von Frankfurt nach Dachau“ niedergeschrieben und 1946 zum Gedächtnis aller toten Kameraden von Dachau veröffentlicht.
Seite 83
nar in Frankreich zurückgekehrt. Der größte Teil von ihnen wurde im Frühjahr 1944 wieder in ihre Heimat abgeschoben, es sei ihm gelang es, seine Identität geheim zu halten. Wegen ihrer weltanschaulichen Grundeinstellung galten die Seminaristen bei der Gestapo grundsätzlich als Sicherheitsrisiko. Der Jesuit Perrin hat in seinem Tagebuch allerdings auch Vorbehalte über die apostolische Ausstrahlung mancher Seminaristen geäußert. Sie seien „dem Leben gegenüber unsicher und zurückhaltend. Sie sind dauernd auf dem Rückzug, als hätten sie Angst. Sie schweigen still, als wollten sie ihre Umgebung dafür um Verzeihung bitten, dass sie Christen sind. Viele seufzen über den Zwang, der sie hierher geführt hat. Sie finden sich damit ab wie mit einer Prüfung und werden dadurch allmählich immer verbitterter und missmutiger 11 .
“ Das galt sicher nicht für alle. Denn einige von ihnen sind wegen illegaler religiöser Aktivitäten von der Gestapo verhaftet worden. Drei Seminaristen haben ihr Leben in deutschen Konzentrationslagern verloren: Roger Vallée am 29. Oktober 1944 in Mauthausen, Jean Tinturier am 16. März 1945 ebenfalls in Mauthausen und Jean Duthu kurz nach Kriegsende am 13. Mai 1945 in Flossenbürg.
Jeder Untergrundpriester erhielt 1000 Francs und einen kleinen Messkoffer, der die Eucharistiefeier in Privaträumen und im Freien erleichtern sollte. Er wurde von den Geistlichen salopp „Handwerkskiste“ genannt. Der Messkoffer war mit dem fiktiven Aufkleber einer Adresse eines kriegsgefangenen Priesters und mit einem Brief an den deutschen Kommandanten des Gefangenenlagers versehen, um bei der Gepäckkontrolle ungebetene Fragen abwehren zu können. Von besonderem Wert für die zukünftige Arbeit waren Adressenlisten von Zivilarbeitern aus der Pariser Zentralkartei der Christlichen Arbeiterjugend, die die Pariser Aumônerie général jedem einzelnen Unter- grundpriester für den jeweiligen Zielort mitgab. Das erleichterte die Kontaktaufnahme am Bestimmungsort, und half entscheidend bei der Seelsorge, konnte aber bei Gepäck-durchsuchungen auch gefährlich sein. Die strengen Regeln der Konspiration spielten leider nicht die angemessene Rolle bei der Sendung der Untergrundpriester.
Eine nicht geringe Schwierigkeit bestand darin, dass nur drei der ausgewählten Geist- lichen spezielle Vorkenntnisse für einen handwerklichen Beruf besaßen. In den Werbebüros wurde natürlich auf einen erlernten Beruf Wert gelegt, obwohl dann nicht alle in ihren angegebenen Berufen eingesetzt worden sind. Manche Priester versuchten deshalb, sich in einem Schnellkurs wenigstens die Grundkenntnisse irgendeines Hand- werksberufes anzueignen. Bei einem reichte es nicht weiter als bis zur Besichtigung einer Lehrlingswerkstätte für Schreiner und zur Lektüre des „Handbuches für den Tischler und Schreiner“, um sich mit der Berufsbezeichnung „Schreiner“ beim Werbe- büro zu melden. Um die Papiere für die deutschen Behörden zu frisieren, richtete die Aumônerie général eine winzige „Fälscherwerkstatt“ ein. Einzelne Geistliche änderten auf ihrem gefälschten Ausweis mit der beruflichen Legende auch die Passbilder, teilweise sogar ihren Namen. Ein Ordensmann wurde beispielsweise zum fünffachen Familienvater erklärt. Mitun-
—————–
11 Henri Perrin, Tagebuch eines Arbeiterpriesters, S. 62
ter stellten allerdings auch die Kommunalbehörden ohne lange Rückfragen die nötigen neuen Papiere aus. Im Arbeiter-Outfit meldeten sich die Geistlichen dann bei den deutschen Werbebüros und erregten
keinerlei Verdacht. Die deutschen Stellen waren heilfroh über jede neu gemeldete Arbeitskraft, die das Heer der ausländischen Arbeiter verstärkte.
„Rein geistliche Mission“ – keine politischen Ziele
Der Gestapo waren Planung und Einsatz der illegalen Seelsorge nicht unbekannt geblieben. Die strengen Regeln der Konspiration scheint Abbé Rodhain wohl nicht immer respektiert zu haben. Sein Vichy-Gesprächspartner Bruneton jedenfalls hätte wohl mehr gesundes Misstrauen verdient. Dieser Beamte und dessen Mitarbeiter waren zwar nationalbewusste Franzosen, aber ihre patriotische Diskretion und Verschwiegenheit ließen unter den Bedingungen der deutschen Besatzung offenbar zu wünschen übrig. Es spricht einiges dafür, dass Bruneton zwei Gesichter hatte und de facto letztlich die Sache der Deutschen besorgte. Nicht umsonst ist er nach dem Krieg wegen Kollaboration in Frankreich verurteilt worden. Der Kreis der Eingeweihten und Mitwisser war im Laufe der Zeit so groß geworden, dass leicht eine undichte Stelle entstehen konnte. Jedenfalls wussten die deutschen Sicherheitsbehör- den, dass Kardinal Suhard die Geistlichen vor der Abfahrt nach Deutschland im April 1943 offiziell
verabschiedete.
Man war sogar in den Besitz des Wortlautes der Abschiedsansprache des Pariser Kardinals gelangt. In dem RSHA-Erlass vom 3. Dezember 1943 wurde darausfolgende Passage zitiert: „Sie sind Soldaten von Gott und werden bald in ein Land fahren, wo die schlechte Kraft sehr stark ist. Sie fahren in illegaler Weise unter dem Deckmantel als Zivilarbeiter herüber und Sie müssen offiziell keine Messen lesen oder sonst jemandem sagen, dass Sie Priester sind, weil wir keinen diplomatischen Krach mit Deutschland haben wollen. Ihre Abfahrt ist dem Vatikan durch einen Priester, der sich im Augenblick in besonderem Auftrag dort befindet, bekannt. Ich hoffe aber, dass ich für einige von Ihnen eine offizielle Aufenthaltserlaubnis für Deutschland bekomme. Ihre Aufgabe dort ist es, sich mit der deutschen Kirche in Verbin- dung zu setzen. Sie müssen dort studieren, uns immer Nachrichten bringen, damit wir für immer die falschen Theorien dieser Menschen zerstören können. Die Völker müssen sehen, in welche Tiefe der
Nationalsozialismus sie bringt. Sie müssen die französischen Arbeiter zusammenbringen und die der Kirche verloren gegangen Arbeiter wieder zur Kirche zurückführen.“
Was die Gestapo in dieser holprigen Übersetzung als Wortlaut ausgab, dürfte zumindest stark tendenziös gefärbt sein. Denn aus einer anderen überlieferten französischen Mitschrift dieser Kardinalsansprache geht geradezu das Gegenteil hervor, dass nämlich Suhard ausdrücklich die exklusiv geistliche Mission der Untergrundpriester betont hat: „Es handelt sich um eine rein geistliche Mission. Regimekritik hat mit dieser Mission nichts zu tun. Man kann in dieser Ausübung Auf-
Seite85
gabe absolut keine Abweichung zu einer pro- oder antideutschen Richtung zulassen. Enthalten Sie sich systematisch einer Politik, die offen regimekritisch sein würde 12 .“
Das Schicksal der zu Hunderttausenden nach Deutschland verschickten Arbeitssklaven traf fast jede französische Familie. Der Verband der Katholischen Jugend Frankreichs protestierte auf einer Versammlung des Nationalrats in Avignon öffentlich gegen das Zwangsarbeitergesetz. Es sei ein „Angriff auf das Naturrecht und das positive interna-tionale Recht“. Auch unter den französischen Bischöfen herrschte keineswegs Einmü-tigkeit im Urteil über das STO-Gesetz. Einige sprachen in ihren Erklärungen ganz offen von Deportationen, Verbrechen und Zwangsarbeit. Die drei Kardinäle Achille Liénart von Lille, Emmanuel Suhard von Paris und Pierre-Marie Gerlier von Lyon wandten sich am 9. Mai 1943 mit einem gemeinsamen Hirtenbrief an die Öffentlichkeit (Anhang II). Der Pariser Kardinal publizierte diese Erklärung allerdings nur in der Kathedrale Notre-Dame, ließ sie dagegen aus Sorge vor politischen Reaktionen in anderen Kirchen seines Erzbistums nicht verlesen.
Der Brief sollte ein ermutigendes Zeichen der Solidarität und des Mitgefühls „inmitten der Heimsu-chungen der letzten Zeit“ sein. Sie seien sich des Leids bewusst, „das durch die Abreise der Väter und jungen Männer zum Arbeitseinsatz“ zugefügt werde, erklär- ten die Kardinäle. Sie beklagten mit den betroffenen Familien, dass „so vielen jungen Men- schen dieser unschätzbare moralische Mittelpunkt – das eigene Zuhause – entris-sen“ werde. Sie könnten die „gelegentlichen Missbräuche, die bei den Abreisen und unter Missachtung der grundlegendsten Menschlichkeit geschehen“ seien, nicht zulas- sen. Danach kamen die Kardinäle auch auf die Frage der Seelsorge für die französischen Zwangsarbeiter zu sprechen. Eltern, Ehefrauen und Arbeiter hätten inständig „um Trost und spirituellen Beistand französischer Priester gebeten“. Die Kardinäle hätten auch keine Maßnahme gescheut, die Wege dafür zu ebnen. „Bis zum heutigen Tag wurde unserer Bitte nicht stattgegeben. Wir werden jedoch unsere Bemühungen für ein Recht, das wir als heilig betrachten, stets fortsetzen. Man kann Menschen, die sich in fremden Landen aufhalten, den Beistand von Priestern ihres Volkes und ihrer Sprache nicht versagen.“ Ausdrücklich riefen die drei Kardinäle zur „brüderlichen Barmherzigkeit und sozialen Solidarität ohne Unterscheidung der Gesinnung, des Glaubens oder der sozialen Schicht“ auf. Die Katholiken sollten nicht vergessen, „dass so viele Menschen unter Verzweiflung und Not leiden: Kriegerwitwen, Gefangene und ihre Familien, Bombenopfer und Evakuierte, unterernährte Kinder“.
Die Erklärung der drei französischen Kardinäle ist erkennbar stark von pastoralen, aber auch von natio- nalen Motiven geprägt. Trotzdem fiel die Reaktion in der französischen Öffentlichkeit zwiespältig aus. Den Vichy-Anhängern war die Erklärung zu kritisch. Sie sahen darin erstmals ein öffentliches Nein der Kardinäle zur franzö-
————

12 Eikel, Markus, Französische Katholiken im Dritten Reich. Die religiöse Betreuung der französischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter 1940-1945. S. 206

 

Seite 86
sischen Regierung. Der Résistance dagegen war der Text zu Vichy-freundlich und kaum hilfreich für die Gewissensentscheidung des einzelnen, ob er nun das STO-Gesetz befolgen solle oder nicht. Die deutschen Besatzungsbehörden wiederum beschwerten sich über die Résistance-freundlichen Töne der Erklärung und sahen darin eine Ablehnung des STO-Gesetzes.
Die Kardinäle saßen also zwischen allen Stühlen. Sie mussten sich Kritik der französi- schen Zeitungen aus allen politischen Lagern des Landes gefallen lassen. Tatsächlich hatten sie eine eindeutige Stellungnahme zu der heiklen Frage vermieden, ob der einzelne nun Gehorsam gegenüber dem Zwangsarbeitsgesetz zu leisten habe oder nicht. Die Kritik an der deutschen Arbeitsmarktpolitik und an der Vichy-Regierung war lediglich sanft angedeutet. Man wollte offenbar eine Konfrontation vermeiden, zumal der zeitgleich stattfindende Aufbau der Untergrundpastoral in Deutschland nicht zusätzlich gefährdet werden sollte. Die drei Oberhirten räumten ein, dass die Regierung in Vichy in der Frage der Arbeitseinsätze einem Zwang unterworfen sei, den sie “humaner zu gestalten“ versuche. Die Erfolglosigkeit dieses Bemühens wurde jedoch nicht eigens angesprochen. Die drei Kardinäle waren sich darüber im Klaren, dass es nicht in ihrer Macht stehe, der „bedrückenden Heimsuchung ein Ende zu setzen“. Es seiaber die Aufgabe aller, diese Situation „als Christen und unserer Nationaltradition
verbundene Franzosen würdig durchzustehen“. Es war insgesamt wohl ein offenes Wort der französischen Kardinäle, aber kein eindeutiges und wegweisendes.