Willibald Jacob, Solidarität entdeckt die gemeinsamen Interessen (GANZ)

Resümee aus Ökumene und Arbeitswelt

Im Jahre 1982 besuchte uns Pastor Dr. Marsallan Bage aus Indien in un-serem Garten in Berlin-Weißensee. Am Stadtrand. Er suchte einen Mitar-beiter für die Ausbildung von Dorfpastoren, die zugleich Bauern sind. Die Gebäude auf unserem Grundstück zeigten noch deutlich Spuren des Krie-ges. Wir hatten uns seit den 50er Jahren nicht mehr gesehen, seit unserer Studentenzeit. Ich erzählte ihm, was sich nach dem Krieg auf diesem Grundstück abgespielt hatte: Trümmer beseitigen, Bombentrichter zuschip-pen, jeden Mauerrest nutzen, um neue Gebäude zu errichten. Reparieren – eine unendliche Aufgabe.
Wir erinnerten uns an unseren gemeinsamen Lehrer Horst Symanowski (auch an Horst Dzubba, Günther Schultz, Rudolf Weckerling und Helmut Linke), an die Vision von einer Kirche der Solidarität mit den von der Kirche vergessenen Menschen. 1948 war Symanowski als Hilfsarbeiter in die Ze-mentwerke Dykkerhoff nach Mainz gegangen; Vorbild für einige Andere. “Jesus Christus ist immer schon vor uns bei den leidenden und kämpfenden Menschen.” Nachfolge!?
Ich erzählte Marsallan Bage von den werktätigen Theologen in der DDR. Die einen gingen gruppenweise in Betriebe, wollten als Kirche in der säku-laren Welt präsent sein und bekamen ihre Schwierigkeiten mit den Behör-den. Ein anderer hatte das ständige Reden satt, zu dem er im kirchlichen Dienst verpflichtet war. Wieder andere wollten zeigen, dass das geht: Der Pfarrer verdient seine Brötchen selbst. Er entlastet die Gemeinde in einer Zeit, in der der Nutzen der kirchlichen Arbeit in keinem Verhältnis mehr steht zu den Kosten einer Pfarrstelle, ja in der die kleine Gemeinde diese Kosten eigentlich nicht mehr tragen kann. Das Pfarrhaus verlassen, dort präsent sein, wo die Menschen die längste und beste Zeit ihres Lebens zubringen; im Betrieb, bei der Arbeit.
Alle aber waren getrieben von einer großen Sehnsucht, die ungeheure Kluft möge geschlossen werden zwischen dem Evangelium und den Menschen. Nach allem, was geschehen war. Die Kirche musste sich ändern. Liturgie, Verwaltung, Staat in der Kirche – Ballast. 1600 Jahre Konstantin. Die Kirche selbst war zum Hindernis geworden, ihre bekannten Traditionen. Riesige Kirchengebäude sprachen deutlicher als ER, der lebendige Gott. Aber auch ihre Ruinen. Sollten sie wieder errichtet werden? Wozu? Dafür Geld und Kraft?
Ich erzählte von 14 Jahren im Straßenwesen der DDR. Marsallan Bage ging an den neuen Schuppen und sagte: “Wenn du den selbst gebaut hast, dann kannst du zu uns kommen. Bei uns geht es um die armen, entlegenen Dör-fer, um den betrogenen Bauern, um die arbeitslosen Jugendlichen, um eine neue und andere Qualifikation unserer Mitarbeiter. Wir brauchen keine Mis-sionare. Wir brauchen Solidarität ohne Geld. Geld zerstört die Beziehungen. Es ist gut, dass ihr aus der DDR kein Geld mitbringen könnt.”
Elfriede und ich waren dann 1983 und von 1985-88 in den Dörfern Chota-nagpurs. An anderer Stelle haben wir berichtet. 30 Jahre sind seit der Wi-derbegegnung mit Marsallan Bage vergangen. In Deutschland hat die Evan-gelische Kirche in der Zwischenzeit ihre Freiheit proklamiert. Mit wem aber ist sie solidarisch? Eine neue, moderne Barbarei hat das Land und Europa überzogen. Entvölkerte Landstriche wie in der Uckermark und Leiharbeit in Industrie und Dienstleistungen. Das Einfallstor für die Entmündigung und Entwürdigung des Bürgers ist die Ökonomie. Wo bleiben die Solidarität und der Widerstand der Kirchen?
Im gleichen Jahre 1982, als Marsallan Bage zu uns kam, besuchten uns in Weißensee auch Arnold Willibald, Christian Herwartz, Johanna Erdmann und Karl Köckenberger. Wir lernten die katholischen Arbeitergeschwister kennen. Isolde Boehme und Thomas Dietrich Lehmann waren längst dabei. Später kamen Johannes Brückmann (Hettstett), Wuk Lienhard und Johan-nes Hildmann (München) dazu.
Als wir aus Indien zurückkamen, lernte ich mit Erstaunen, wie Dietrich Bon-hoeffer Katholiken und Protestanten mit seinen nicht mehr zitierten Passa-gen verbindet. Schon im Erscheinungsjahr seiner Briefe “Widerstand und Ergebung“, 1952, las ich bei ihm die prägenden Sätze: ”Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Um einen Anfang zu machen, muss sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließ-lich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, eventuell einen weltli-chen Beruf ausüben. Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschli-chen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend….” (Die Erfahrungen der französischen Arbeiterpriester bestä-tigten in der Nachkriegszeit Bonhoeffers Thesen; siehe “Die Arbeiterpriester – Dokumente”, Paris 1954.)
Albrecht Schönherr, späterhin von mir befragt, warum die Bonhoefferexper-ten diesen Halbsatz “……eventuell einen weltlichen Beruf ausüben” weglas-sen: “Aber Bruder Jacob, Sie wissen doch, es ging nicht.” Was ging nicht? Dass Theologen Werktätige werden und so den Menschen in der Gemeinde dienen? Nach den traditionell verstandenen Prinzipien des Staatskirchen-rechts ging es nicht. Aber nach dem Lebensrecht der christlichen Gemeinde und dem Solidaritätsrecht der Menschen ging und geht es sehr wohl.
Dr. Marsallan Bage schreibt im Jahre 2011 als Fazit der Ausbildung von jun-gen Indern der Ev.-Luth. Gossner Kirche zu Handwerkern und Pastoren, als Ansporn für notwendige Initiativen mit den Menschen in Dörfern und Klein-städten: Aus einer Mensch-zu-Mensch-Beziehung entsteht Partnerschaft und dadurch entstehen gemeinsame Interessen. Die Handwerker- und Bau-ernpastoren leben unter und mit den Menschen, nicht allein mit Christen, sondern auch mit Nichtchristen. Ihre Mensch-zu-Mensch-Beziehungen er-möglichen es, wichtige Aufgaben anzupacken; Überwindung von Jugendar-beitslosigkeit, Schaffung von Arbeitsplätzen, Verbesserung des ländlichen Gesundheitswesens. Diese Aufgaben können Kirchenverwaltungen nicht leisten. Sie sind besetzt. Die Mensch-zu-Mensch-Beziehung ist konstitutiv im Alltag.
Das alles sind kleine Schritte angesichts eines riesigen Berges von selbst-gemachten Problemen, einer globalen, modernen Barbarei, die jedes Dorf und jeden Menschen erreicht. Die Kapitalförmigkeit des Lebens ist überall erfahrbar. Und die Kirche schweigt. Sie ist eingebettet.
Ich denke zurück an das Jahr 1949. Barbarei hinter mir. Ruinen um mich her. Ich lese das Buch von Ernst Wichert “Missa Sine Nomine”. Ein Pfarrer zieht den Talar aus und geht ins Moor Torf stechen.
Wir haben keine Kirche und keine Kanzel und keinen Altar, aber mir ist es, als sei der liebe Gott trotzdem ein bisschen näher gekommen. Als sei es ihm nicht mehr immer wohl in den großen Kirchen, wo es nun so weitergeht, wie es immer gegangen ist. Nach einem alten Programm sozusagen, als ob nichts Besonderes geschehen wäre. Aber es ist doch etwas geschehen. Es ist sogar vieles geschehen und es reicht doch vielleicht nicht ganz aus, es eine Prüfung zu nennen und so dazustehen, als ob man die Prüfung einiger-maßen bestanden hätte. Denn viele haben sie doch eben nicht bestanden, weder auf der Kanzel noch unter der Kanzel. Und vielleicht war es mehr als eine Prüfung….”
Es ist mehr als eine Prüfung.

Literatur:
Johannes Brückmann/Willibald Jacob Hg. Arbeiterpfarrer – Vor Ort in Betrieb und Ge-meinde in der DDR Perspektiven des Pfarrberufes angesichts einer „Volkskirche als Auslaufmodell“, Alektor Verlag Berlin 1996
Johannes Brückmann/Willibald Jacob Hg. Arbeiterpfarrer in der DDR – Gemeindeau-fbau und Industriegesellschaft – Erfahrungen in Kirche und Betrieb 1950 – 1990, Alektor Verlag Berlin 2004
Elfriede und Willibald Jacob, Trittsteine im Fluss – Aus der indischen Gossnerkirche – Von Parnerschaft und gemein- samen Interessen – Eine Chronik Scheunenverlag Kückenshagen/Erlanger Verlag für Mission und Ökumene 2010
Willibald Jacob/Andreas Schröder Hg., On the Way in Germany – Training for Indian Trainers 2011 Berufsbildungszentrum (BBZ) Teterow 2011

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